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Feldnotiz #2

Bergpanorama

Greenhorn trifft alten Hasen –
einen musste es ja treffen

Feldnotizen beschreiben Situationen aus meiner Beratungsarbeit, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind – weil sie für mich lehrreich, erhellend oder auf andere Weise bezeichnend waren. Sie erscheinen hier im Rhythmus ihres Entstehens. Die geschilderten Situationen habe ich selbst erlebt. Personen und Details sind so verändert, dass Rückschlüsse auf Beteiligte nicht möglich sind.

Es war mein erster grosser Auftrag als interner Berater, bei dem ich den Lead hatte. Der Leiter des IT-Bereichs plante eine zweitägige Klausur mit allen Führungskräften und Projektmanagern in seinem Bereich, etwa fünfzig an der Zahl.

Der Plan war, diese Klausur mit einem erfahrenen externen Berater, den ich in einer Fortbildung in Organisationsentwicklung kennen und schätzen gelernt hatte, im Tandem zu moderieren. Die notwendigen inhaltlichen Vorbereitungen lagen in meiner Hand, in Absprache mit ihm.

Wir hatten mit dem Auftraggeber vereinbart, dass ich dafür eine Projektgruppe mit Vertretern aus fünf Abteilungen leite. Stellvertreter waren Führungskräfte der untersten Ebene, die jeweils von einem Abteilungsleiter geführt wurden. Ja, in diesen Zeiten waren Hierarchien noch recht tief.

Nun also sassen wir da im Sitzungszimmer: fünf gestandene Referatsleiter und ich, der Jüngste im Raum. Ich begrüsste, sagte etwas über mich, meine Rolle und den Auftrag und lud zu einer ersten Runde ein: Wer war mit welchem Verständnis, welchen Erwartungen und mit wie viel Überzeugung vom Sinn unseres Vorhabens anwesend? Die ersten zwei äusserten sich recht positiv: Sie fanden den Workshop wichtig und begrüssten, dass sie in die Vorbereitung einbezogen wurden. Dann kam der dritte.

«Herr Heyn, wollen Sie das wirklich wissen?»

Ich nickte. «Ich bitte darum.»

«Nun, ich sag's mal so: Einen musste es ja treffen in unserer Abteilung. Deshalb sitze ich hier. Den schwarzen Peter habe ich gezogen.» Er lächelte mich verschmitzt an, wohl gespannt, wie ich reagieren würde.

Nicht der Einstieg, den ich mir erhofft hatte. Aber wenigstens ehrlich. Ich bedankte mich für die Offenheit und fragte nach. Ob er mir erklären könne, was hinter seiner Haltung stecke. Er habe sicher gute Gründe. Er erzählte. Er sei schon einmal bei so einer Veranstaltung dabei gewesen. Damals habe er sich engagiert, Herzblut investiert, es wurden im Workshop wertvolle Ergebnisse erarbeitet.

Er legte eine Pause ein, schaute mich eindringlich an und fuhr fort: «Und wissen Sie was: die Ergebnisse kompostieren seither in der Schublade. Das will ich nicht noch einmal erleben. Deshalb sage ich: Einen musste es ja treffen.»

 

«Das tut mir leid zu hören.»

Untergründig kam ich ins Schwimmen. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Einstiegsrunde, Fokussierung, dann Konzeptarbeit, so war der Plan. Und jetzt das.

«Ich habe auch keine Lust, für die Schublade zu arbeiten», entgegnete ich. Und wusste im selben Moment, dass ich mir dieses reflexhafte Buhlen um Kooperation hätte sparen können.

Er merkte mir wohl etwas an und fügte hinzu: 

«Nun ja, nehmen Sie's nicht persönlich. Sie können ja nichts dafür und das war vor Ihrer Zeit.»

Sein Trost war so hilfreich wie ein zusätzlicher Schubs. In meinem mitgebrachten Plan war solch eine Situation nicht vorgesehen. Notgedrungen improvisierte ich und fragte:

«Würden Sie denn einen Sinn in diesem Workshop sehen, wenn diesmal sichergestellt würde, dass die Ergebnisse auch Wirkung zeigen?»

Er lachte wie jemand, der nicht fassen kann, dass er zu Offenkundigem noch Auskunft geben muss.

«Keine Frage. Natürlich, es gibt einiges zu tun! Nur: Mir fehlt der Glaube.»

Ich zügelte mit Mühe meinen Impuls, ihn überzeugen zu wollen. Stattdessen blieb ich dran – nicht an meinem, sondern an seinem Punkt. 

Ich fragte: «Könnten Sie sich vorstellen, für uns eine Art Frühwarnsystem zu sein? Uns zu warnen, wenn wir Gefahr laufen, in dieselbe Falle zu tappen, damit wir gemeinsam dafür sorgen, dass es diesmal besser läuft?»

Er lächelte. 

«Der Optimismus ist Ihnen nicht zu nehmen, Herr Heyn. Nun ja, Sie sind ja auch noch jung. Aber in dem Fall bin ich für ein erneutes Experiment zu haben. Vermutlich werde ich schon früher Alarm schlagen, als Ihnen lieb ist.»

«Umso besser», antwortete ich, überzeugt vom Wert seiner Erfahrungen. Es ging ihm um die Sache, das war spürbar.

Rückblickend war das ein Wendepunkt. Nicht, weil der Widerstand verschwand, sondern weil er sich als wertvoller Hinweis auf ein reales Risiko erwies. Widerstand mag erstmal stören, so wie Gegenwind einem etwas ruppig das Haar zerzaust. In diesem Fall war er ein Hinweis darauf, was in einem ähnlichen Projekt ziemlich schief gelaufen war. Der alte Hase wehrte sich nicht gegen Workshops, ihm lag die konsequente Umsetzung der Ergebnisse am Herzen. Das war Wind in unsere Segel.

Manfred Schwarz, der Berater, mit dem ich den damaligen Workshop moderierte und Gründer des Management Center Vorarlberg, hat es mal so formuliert: «Unerklärlicher Widerstand ist eine verschlüsselte Botschaft. Höre zu, wenn du sie verstehen willst.»

Seit diesem Projekt macht mich Skepsis eher wach. Ich frage lieber erstmal nach, anstatt sie mit einem geschickten Manöver zu umschiffen. Wer weiss, was in ihr verborgen ist. Manchmal ungenutzte Lehren der Vergangenheit. Dafür nehme ich in Kauf, dass es unbequemer werden kann.

April 2026

Ab 05. Mai 2026 in den Feldnotizen: 

Als Profi können Sie das doch sicherlich – Honigfalle ohne Arglist.