Feldnotiz #3

Als Profi können Sie das doch sicherlich
Honigfalle ohne Arglist
Feldnotizen beschreiben Situationen aus meiner Beratungsarbeit, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind – weil sie für mich lehrreich, erhellend oder auf andere Weise bezeichnend waren. Sie erscheinen hier im Rhythmus ihres Entstehens. Die geschilderten Situationen habe ich selbst erlebt. Personen und Details sind so verändert, dass Rückschlüsse auf Beteiligte nicht möglich sind.
Die Anfrage erreichte mich über mein Netzwerk. Der Leiter des HR-Bereichs eines Aluminiumwerks war auf der Suche nach einem Moderator für eine zweitägige Klausur der Geschäftsleitung. Ort, Zeit und Themen standen schon fest. Nun hatte man Zweifel und suchte noch einen Moderator.
Kein gutes Vorzeichen, wenn alles besprochen ist und nur noch der Moderator fehlt. Es roch nach IKEA-Ansatz: Der Bausatz ist da, die Teile sind ausgelegt – man will loslegen und stellt fest: ein erforderliches Werkzeug fehlt uns noch. Ab in den Baumarkt.
Deshalb sind Auftragsklärungen gut und in solch einer Situation besonders spannend. Ergebnis: offen.
Wir trafen uns persönlich, der HR-Leiter und ich. Er schilderte mir den Kontext seiner Anfrage: Es stand die alljährliche Klausur der Geschäftsleitung an, auf der die Strategie der nächsten Jahre besprochen werden sollte. So weit so gut. Der entscheidende Punkt war, dass der Geschäftsführer die Strategie bereits in ihren Grundzügen ausgearbeitet hatte und nun die Idee hatte, die Klausur so moderieren zu lassen, dass die Mitglieder den Eindruck bekommen würden, sie hätten die Ergebnisse selbst erarbeitet. Er hatte gehört, dass Menschen eher etwas mittragen, wenn sie beteiligt werden.
«Wir dachten uns, Sie als Profi können das sicherlich.» Der HR-Leiter schaute mich erwartungsvoll an.
Ich muss gestehen, so schmeichelhaft es klingt, bei «Profi» zucke ich innerlich auch immer etwas zusammen. Warum? Weil mit dieser Bezeichnung häufig eine Erwartung an mich verbunden ist, die mir zur Falle wird, wenn sie nicht offen ausgesprochen wird. Deshalb Auftragsklärung. Und diese fand gerade statt.
«Sie erwarten also, dass ich die Mitglieder der GL so moderiere, dass sie glauben, sie hätten die bereits vorgefassten Ergebnisse selbst erarbeitet, habe ich Sie da richtig verstanden?»
«Ja, genau.»
«Ich habe da eine Frage: Was, wenn die strategischen Überlegungen in eine andere Richtung führen als die vorgezeichnete? Dann hätten Sie ein Problem.»
«Ja, genau. Deshalb brauchen wir einen Profi.»
«So arbeite ich nicht. Ich arbeite in der Moderation mit Menschen und nicht gegen sie. Und selbst wenn ich es versuchen würde, Sie wären schlecht beraten.»
Ich erläuterte ihm meine Gründe. Menschen haben meist einen feinen Sinn für Manipulation. Sie würden merken, wenn ich als Moderator befangen bin. Und dann hätten wir einen Scherbenhaufen. Vertrauensverlust, verbrannte Erde und die Strategie verwaist. Denn niemand macht sie sich zu eigen.
«Ich mache Ihnen einen anderen Vorschlag: Warum nicht die vorgefertigten Grundzüge der Strategie zu Beginn der Veranstaltung präsentieren und anschliessend den Diskussionsprozess moderieren. Zum Beispiel zu diesen Fragen: Was spricht uns an, wo haben wir Bedenken, welche anderen Ideen hätten wir noch? Mit dem Ziel, am Ende der Veranstaltung eine abgestimmte Strategie zu haben.»
Der HR-Manager atmete erleichtert auf.
«Sie sprechen mir aus der Seele. Diese Bedenken und Gedanken hatte ich auch schon.»
Ich ersparte ihm die Frage, warum er es nicht gewagt hatte, sie gegenüber dem Geschäftsführer zu äussern. Er mochte seine Gründe haben. Es ging hier nicht um Coaching.
Wir wurden zu Verbündeten. Ganz transparent. Er würde zu seinem Geschäftsführer gehen, ihm diesen Vorschlag mit Begründung eines Profis unterbreiten und mich über das Ergebnis informieren. Sollte der Auftrag zu diesen Bedingungen nicht zustande kommen: auch gut. Kein Honorar rechtfertigt Pfusch. Ich begleitete ihn noch zur Tür. Der Handschlag fühlte sich kollegial an.
Zwei Tage später bekam ich grünes Licht. Der Workshop fand statt. Die Moderation war anspruchsvoll und lohnend. Es freut mich, wenn eine Diskussion an Fahrt aufnimmt, verschiedene Perspektiven mit guten Argumenten die Komplexität des gemeinsamen Vorhabens erschliessen und zu Vereinbarungen führen, die diese Bezeichnung auch verdienen.
Hierzu fällt mir ein, was Gunthard Weber uns damals zu systemischer Organisationsentwicklung am IGST in Heidelberg (heute: Helm Stierlin Institut) mitgegeben hat: Eine lange Warteliste dient der Qualität der Beratung. Was ich so verstehe: Nur wenn ich Nein sagen kann zu «unanständigen» Aufträgen, kann ich dem Kunden unerschrocken helfen, mir in seinem Interesse einen anständigen Auftrag zu geben. Professionalität erfordert Handwerk. Und die Freiheit, abzulehnen.
Für mich wäre «Profi» eine Honigfalle gewesen – wenn auch eine ohne Arglist. Welcher sind Sie schon begegnet – und wie haben Sie reagiert?
Mai 2026
Ab 12. Mai 2026 in den Feldnotizen: