Feldnotiz #4

Projekt-Kick-Off mit Kick ans Schienbein
Feldnotizen beschreiben Situationen aus meiner Beratungsarbeit, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind – weil sie für mich lehrreich, erhellend oder auf andere Weise bezeichnend waren. Sie erscheinen hier im Rhythmus ihres Entstehens. Die geschilderten Situationen habe ich selbst erlebt. Personen und Details sind so verändert, dass Rückschlüsse auf Beteiligte nicht möglich sind.
Die Runde begann vielversprechend. Da war ich mir nicht so sicher gewesen. Es handelte sich um ein komplexes Projekt mit etwa 20 Personen aus verschiedenen Standorten: Entwickler, Vertriebler, Techniker. Die Herausforderung: Entwicklung eines innovativen Getriebes für Baumaschinen mit unverrückbarer Deadline in Form eines Messetermins, bei dem dieses Getriebe wichtigen Kunden präsentiert werden sollte.
Der ambitionierte Zeitplan hatte manchen Terminkalender durcheinander gebracht. Nicht unbedingt die besten Voraussetzungen für gelassene Stimmung. Umso wichtiger ein sauberer Einstieg: Motivierende Begrüssung durch den Projektleiter, Vorstellung meiner Person und Rolle, dann persönlichen Bezug zum Projektziel und natürlich die Erwartungen: frühzeitig abholen, bevor sie später zum Problem werden.
Bis Wortmeldung Nummer sechs in der Runde nahmen wir an Fahrt auf, vielleicht tat auch der Begrüssungskaffee seine Wirkung.
«… und übrigens,» sagte ein freundlicher Techniker in die Runde, «wäre ich froh, wenn wir Samstagsarbeit vermeiden könnten, denn ich baue zur Zeit ein Haus, da bin ich auf der Baustelle gefragt.»
Dieser offenherzige Wunsch schien einen älteren Herrn, der auf mich von Anfang an etwas grummelig gewirkt hatte, zu stechen. Er richtete sich auf, verdrehte die Augen und konnte es kaum erwarten, bis er an der Reihe war. Dann brach es aus ihm heraus.
«Also mit so einer Haltung, bei der private Projekte wichtiger sind als dieses hier, können wir uns den Aufwand hier gleich sparen», schnaubte er.
Der gemeinte Kollege zuckte zusammen, atmosphärisch war ein Temperatursturz spürbar. Ein wunderbarer Moment, wäre es ein gruppendynamisches Selbsterfahrungsseminar: Als Leiter würde ich mich zurücklehnen und dem Drama seinen Lauf lassen. Ein gefährlicher Moment in einem Kick-Off. Zeit zu handeln.
«Ich merke, Sie sind sauer. Und das ziemlich. Das habe ich verstanden. Was ich noch nicht verstanden habe: Wie kann ich mir die Heftigkeit erklären? Sie haben bestimmt gute Gründe. Die würde ich gerne auch verstehen.»
Er schaute mich an, fast wie ein Raubtier, das man beim Beutezug stört. «Na, dass Sie das nicht verstehen, erstaunt mich nicht, Sie sind ja nicht vom Fach. Ich erklär es Ihnen gern.» Ich liess ihm seinen herablassenden Ton. Wichtiger war mir, seine Gründe zu erfahren.
«Wissen Sie, im April ist Messe. Die lässt sich nicht verschieben. Ich bin Vertriebsleiter und treffe dort wichtige Kunden. Langjährige Kunden. Unser Getriebe ist angekündigt. Und was soll ich denen sagen, wenn wir das hier nicht auf die Reihe kriegen?»
Abfällig schaute er wieder in die Richtung des Kollegen, dessen Bemerkung ihn gebissen hatte. «April, April?»
«Klingt nicht gut. Klingt nach gebrochenem Versprechen. An Ihrer Stelle stünde meine Ehre auf dem Spiel.»
«In meinen Worten: Ich steh’ mit heruntergelassenen Hosen da.»
«Moment!» schaltete sich der betreffende Kollege wieder ein. Er hatte sich wieder auf seinem Stuhl aufgerichtet. «Um das mal klar zu stellen. Ich komme auch am Samstag, wenn erforderlich. Keine Frage. Mein Wunsch war nur als Appell gedacht, Samstage für den Notfall aufzusparen. Wenn Not am Mann ist, bin ich zur Stelle. Keine Frage!»
Der Vertriebsleiter entspannte sich ein wenig. «Na, wenn das so ist. Ich hatte da eben was anderes gehört.»
Der Stachel war gezogen. Auch wenn es noch ein wenig Nachbluten gab, in dem Fall Nachgrummeln des aufgebrachten Vertriebsleiters.
«Und damit sind wir voll im Thema.» Ich sah eine Chance, die Kurve zu nehmen und an den Sinn des Kick-Off zu erinnern. «Genau darum geht es auch in diesem Kick-Off. Erwartungen abklären und Orientierung schaffen, wie Sie in diesem Projekt zusammenarbeiten wollen. Dazu gehört auch offen ansprechen, wenn mal etwas stört. Allerdings braucht es auch etwas Zeit und Interesse, die Gründe dafür zu erfahren.
Wenn ich jogge und einen Stein im Schuh spüre, halte ich an und entferne ihn. Das ist zwar ärgerlich und kostet Zeit, aber weiterlaufen wäre ein Desaster. Bei einem Marathon erst recht. Genau das haben wir jetzt getan. Danke an Sie beide für Ihre Offenheit.»
Die Blicke der beiden kreuzten sich wieder. Es gab nichts mehr zu sagen, jedenfalls nicht hierzu. Wir nahmen den roten Faden des Workshops wieder auf. Das heisst: Er war uns gar nicht aus der Hand geglitten. Darum ging es ja: Eine Kultur des Miteinanders schaffen, die der Sache dient. Erfahrenes wirkt weitaus mehr als ein gut gemeinter Spruch: Wir wollen offen und ehrlich miteinander sein.
Mai 2026
Ab 19. Mai 2026 in den Feldnotizen:
Führen heisst erben – und nun?