Randnotiz

Mein smartes Mikrofon beginnt,
statt mir zu sprechen. Und nun?
KI hatte mich gewarnt: Dieser Beitrag sei zu lang für einen LinkedIn-Post. Also kürzen.
Achtung! Triggerwarnung: Die erste Hälfte klingt verdächtig nach KI!
Viele LinkedIn-Posts haben kein Inhaltsproblem. Sie haben auch kein Relevanzproblem. Sie haben ein Duktus-Problem.
Geschrieben wird ständig über wichtige Themen: Über Leadership. Über Resilienz. Über Purpose. You name it.
Wie gut, dass jemand diese Themen endlich mal wieder in griffige Worte fasst. Pointiert, rhythmisch, durchkomponiert. Aber wer?
Es gibt wahre Perlen. Kleine, grosse, feine. Ja. Doch manche Texte klingen nur brillant – und zugleich verdächtig ähnlich. Wie aus einer Feder, aber welcher? So wie dieser hier? Warum?
Vermutlich war da eine Idee, die Lust auf ein Statement, geboren aus einer Erfahrung – bewegend, irritierend, lehrreich.
Als Nächstes keimt ein mutiger Gedanke: Wie wäre es, diese mitzuteilen? Und dann kommt etwas um die Ecke:
🎯 Ich habe keine Zeit, eigene Sätze zu drechseln – lass lieber Gewohntes generieren.
🎯 Ich traue mich nicht, holprig zu klingen, und ziehe geschmeidig schneidige Worte vor.
🎯 Ich füge unbedingt noch einen dritten Bullet-Point hinzu. Der hält den Dreiklang ein. Ein Muss.
Ach, wie verführerisch. Sei's drum.
Prompt, Copy-Paste und Senden.
Uups. Die Emojis als Topping hab ich stehenlassen. War früher eigentlich nicht mein Stil. Egal.
So einfach. Zu einem hohen Preis. Zu hoch für mich.
Deshalb achte ich beim Scrollen auf LinkedIn zunächst auf Typisches: die rhythmischen Drei-Wort-Sätze, das gefällig Markante, die netten Emojis. Der Flair des Unvollkommenen spricht mich eher an – oh, ein Mensch! – während das glatt Geölte, vieltausendfach Ähnliche verblasst. So what?
Ich bin nicht der Erste, dem das auffällt – aber einer mehr, dem unwohl wird. Was haben wir da losgetreten?
Die Büchse der Pandora lässt sich nicht mehr schliessen. Vielleicht hilft auch hier KI mit einem nachgelegten Prompt: kaschiere und mach den Text holprig, mäandernd, am Ende offen, zum selber Denken.
KI ist ein erstaunliches Werkzeug, keine Frage.
Nur: Merke ich noch, wenn es beginnt, an meiner statt zu sprechen? Wenn beim Polieren des Scheins die eigene Stimme abhanden kommt? Warum eigentlich nicht von Anfang an selber schreiben?
Ende der Triggerwarnung: Ich hab genug vom KI-Duktus.
Überraschend kommt mir meine Tochter in den Sinn. Vor vielen Jahren wollte ich sie zum selbstständigen Zähneputzen erziehen.
Sie kommt aus dem Bad. Ich frage: «Und? Zähne geputzt hast du auch?» «Ja!»
Zweifel. Ich gehe ins Bad. Zahnbürste trocken. «Zähne putzen, jetzt aber wirklich!»
Am nächsten Morgen dasselbe Spiel. Zahnbürste nass. Wieder Zweifel. Anhauchen! Kein Zahnpasta-Aroma. Zurück ins Bad. Am Abend dann alle Tests auf Anhieb bestanden. Endlich.
Jahre später erzählt mir meine Tochter, dass sie die Zahnbürste nass machte, etwas Zahnpasta in den Mund schob und wieder ausspülte. Da dämmerte es ihr, dass es einfacher sein könnte, sich die Zähne gleich zu putzen.
Juni 2026