Wege zu der Quelle unserer intelligenten Intuition

<<     Essay Nr. 26    ||





        Intuition heisst Beziehung aufnehmen zu sich selbst

        Anselm Grün


        Ich denke tatsächlich mit der Feder,
        denn mein Kopf weiss oft nichts von dem
        was meine Hand schreibt.

        Ludwig Wittgenstein





        Als Kind hatte ich einmal die alte Idee aufgeschnappt, eine Entscheidung - soll ich oder soll ich nicht? - an den Knöpfen abzuzählen. Aus welchem Dilemma ich den Ausweg suchte, erinnere ich nicht mehr. Nur das Bild der Reihe silberfarbiger Knöpfe auf meiner Strickjacke ist mir geblieben. Ich suchte den Ausweg aus einem Dilemma, das nicht so fatal war, wie jenes des berühmten Esels, der verhungerte, weil er sich nicht zwischen zwei Heuhaufen entscheiden konnte. Mein gewähltes Entscheidungsverfahren war zunächst pragmatisch: Der letzte Knopf 'bestimmt', was ich tue, natürlich in Abhängigkeit davon, welche Alternative ich dem ersten Knopf zufällig zugeordnet habe. Ich tat jedoch etwas Zusätzliches: Während ich meine Knöpfe abzählte, lenkte ich einen Teil meiner Aufmerksamkeit nach innen und versuchte, mich dabei zu ertappen, auf welchen Ausgang des Entscheidungsverfahrens ich hoffte. Dann folgte ich meiner Hoffnung und nicht den Knöpfen. Auf diese Weise hatte ich eine einfache Methode der Entscheidungsfindung dafür genutzt, mich selbst zu befragen und auf meine innere Resonanz zu lauschen - und somit einen Weg zu meiner Intuition gefunden, denn die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs 'Intuition' lautet 'in-tueri': nach innen schauen. Ich hätte auch eine Münze werfen und dabei den selben Trick anwenden können. Es bleibt die Frage offen, ob mich dieser Weg zu meiner intelligenten Intuition führte oder mich nur verführte, unreflektiert meinen Wünschen zu folgen.

        In meinem letzten Essay ('Sich selbst vertrauen - oder: Gibt es dumme Intuition? ') habe ich den wesentlichen Unterschied zwischen elementarer und intelligenter Intuition entsprechend der PSI-Theorie von Julius Kuhl erläutert[1]. An dieser Stelle möchte ich darauf eingehen, wie wir auch dann Zugang zu unserer intelligenten Intuition finden können, wenn sie uns nicht spontan zur Verfügung steht. Hierzu ist es hilfreich, noch einmal die Unterscheidung zwischen elementarer und intelligenter Intuition in Erinnerung zu rufen.

        Elementare Intuition bezeichnet Prozesse des Wahrnehmens und Handelns, die nicht bewusst gesteuert werden müssen, weil unser Gehirn genetisch programmiert ist, diese früh zu erlernen (z.B. Sehen, Greifen, Krabbeln, Gehen) oder weil wir bestimmte Aufgaben der Mustererkennung (z.B. Lesen, Spielsituationen im Schach) und Bewegungsabläufe (z.B. Spielen eines Musikinstrumentes, Fahrrad fahren, Schreiben, Tanzen) mit bewusster Anstrengung so gut trainiert haben, dass sie uns in 'Fleisch und Blut übergegangen sind', d.h. wir sie nun intuitiv beherrschen.

        Solche elementaren intuitiven Fähigkeiten werden inzwischen durch sogenannte künstliche neuronale Netze auf Computern nachgebildet - und das mit immer grösserem Erfolg für immer komplexere Aufgaben. So hat eine aufsehenerregende Studie der Stanford University im September 2017 nachgewiesen, dass eine spezielle lernfähige Software, die entsprechend 'trainiert' wurde, weit besser als Menschen in der Lage ist, die sexuelle Orientierung eines Menschen anhand seiner Gesichtszüge einzuschätzen[2]. Solche Entwicklungen der automatisierten Bild- und Videoanalyse sind natürlich ethisch äusserst bedenklich und bergen ein enormes Missbrauchspotential - zum Beispiel in Hinblick auf die Diskriminierung von Menschen. Tatsache ist jedoch: künstliche Intuition im Sinne der Mustererkennung oder des Verhaltens ist machbar und findet immer mehr Anwendungen[3].
        Das Prinzip dieser künstlichen neuronalen Netze ist, dass Wissen nicht mehr direkt in die Software programmiert wird, sondern diese als selbstlernende Netzwerkstrukturen programmiert werden - inspiriert durch Erkenntnisse über den Aufbau unseres Gehirns. Die Leistungsfähigkeit der Software, die für die Spracherkennung, automatische Gesichtserkennung oder die Steuerung von autonom fahrenden Fahrzeugen erforderlich ist, wäre ohne diese programmierte elementare Intuition in Form von künstlichen neuronalen Netzen kaum möglich.

        Intelligente Intuition hingegen wird verstanden als die Resonanz unseres gesamten Selbst (sämtliche Lebenserfahrungen, Werte und vitale Bedürfnisse, mit denen wir uns identifizieren) auf die Herausforderung einer bestimmten Lebenssituation, die sich uns durch ein Gefühl, ein inneres Bild und / oder einen Handlungsimpuls mitteilt[4]. Es mag zum Beispiel sein, dass in einer komplexen Entscheidungssituation, - sagen wir der Kauf eines Hauses - sehr viele verschiedene Variablen eine Rolle spielen: Kaufpreis, Lage des Hauses, Bausubstanz, Stil des Hauses, Nachbarschaft, unsere finanzielle Situation etc ... Werden wir fein säuberlich alle Variablen analysieren, gewichten, die Wahrscheinlichkeit ihrer Entwicklung in der Zukunft schätzen (voraussichtliche Instandhaltungskosten, Zinsentwicklung, Beziehung zu den Nachbarn ...) und daraus unsere Entscheidung anhand einer expliziten Formel berechnen? Oder nach bewusster Abwägung der verschiedenen Faktoren das Ganze auf uns wirken lassen, mit Partnern und Freunden besprechen, mehrfach darüber schlafen, die Entscheidung reifen lassen und irgendwann unserem Bauchgefühl folgen? Im letzteren Fall können wir davon ausgehen, dass wir eine Unmenge an Informationen und Eindrücken unbewusst mit unseren Werten, Vorlieben, Bedürfnissen und unseren bisherigen Lebenserfahrungen abgeglichen haben und unser 'Bauchgefühl' die Antwort unseres Selbst ist. Wir könnten auch sagen: Wir haben in der Auseinandersetzung des gesamten Entscheidungsprozesses unsere eigene intelligente Intuition befragt, in dem wir unsere Wahrnehmung nach innen gerichtet ('in-tueri': nach innen schauen) und unser Bauchgefühl als Antwort erhalten haben.

        Sich selbst im Sinne der intelligenten Intuition befragen wird nur derjenige, der sich selbst vertraut, der auf seine innere Stimme hört, sich selbst spürt, sein eigenes Empfinden ernst nimmt, und sich im Zweifelsfall auch von anderslautenden Stimmen in seiner Umgebung nicht dominieren lässt. Nicht für alle Menschen eine einfache Aufgabe - zum Beispiel dann, wenn man schon als Kind die Erfahrung gemacht hat, dass das eigene Empfinden die Eltern nicht interessiert oder das Fühlen des eigenen Selbst aufgrund schwieriger Erfahrungen als zu schmerzhaft verdrängt wurde und durch ein rein rationales verstandesmässiges Funktionieren ersetzt wurde.

        Während es sich bei der elementaren Intuition ausnahmslos um schnelle unbewusste Wahrnehmungs- oder Handlungsimpulse handelt, kann die intelligente Intuition durchaus mehr Zeit in Anspruch nehmen - was sich zum Beispiel darin zeigt, dass wir angesichts einer wichtigen Entscheidung 'eine Nacht darüber schlafen' wollen. Am nächsten Morgen mag es sein, dass wir die Option, von der wir am Vortag noch überzeugt waren, plötzlich in einem zweifelhafteren Licht sehen und von ihr Abstand nehmen - vielleicht, weil uns ein ungutes Gefühl beschleicht, das wir gar nicht rational begründen können und trotzdem wissen wir, dass es wichtig ist, dieses nicht zu ignorieren.

        Viele Menschen können relativ schnell Beispiele aus ihrem eigenen Leben schildern, in denen sie mit Hilfe dieser intelligenten Intuition wesentliche Entscheidungen getroffen und hoffentlich nie bereut haben - zum Beispiel die Wahl ihres Lebenspartners, eines Arbeitsplatzes oder in der Regel etwas weniger folgenschwer: die Entscheidung für den nächsten Ferienort. Nun gibt es Situationen, in denen es nicht reicht, eine Nacht darüber zu schlafen, oder in denen unsere innere Resonanz auf verschiedene Optionen uneindeutig bleibt oder gar ganz ausbleibt. Wir sind unschlüssig und drehen uns im rationalen Abwägen des Für und Wider im Kreis.

        Wenn wir keinen spontanen Zugang zu unserer Intuition haben, gibt es verschiedene Möglichkeiten, sich ganz bewusst auf den Weg zur Quelle der eigenen intelligenten Intuition zu machen. Julius Kuhl sieht im Rahmen seiner PSI-Theorie die Quelle unserer intelligenten Intuition in unserem lebenslang wachsenden Erfahrungsschatz, in dem Erlebtes keineswegs neutral, sondern je nach unseren Werten, Interessen, Bedürfnissen und unserer Identität emotional eingefärbt ist. Somit ist dieses weitverzweigte Neztwerk all unserer subjektiv bewerteten Lebenserfahrungen auch Grundlage für unser Selbst. Es ist uns in seiner Tiefe und Weite nicht bewusst, sondern nur erfahrbar über die Resonanz unseres unbewussten Inneren (Selbst) auf äussere Geschehnisse und Begegnungen. Unser bewusstes Ich hingegen ist Teil unseres analytischen Verstandes, der die Welt begreifen, vorhersagen und kontrollieren will. Es ist in der verbalen, logisch linearen Sprache beheimatet. Unser Ich teilt die Welt gerne auf in Richtig und Falsch, gut und schlecht. Es denkt in Kategorien und Konzepten und bevorzugt Eindeutigkeiten: entweder oder. Das Selbst 'denkt' in Bildern, Symbolen und fühlt: Dissonanzen und Resonanzen, Anziehung und Abstossung, Mehrdeutiges, Vielschichtiges auch Widersprüchliches Empfinden ist möglich. Wenn hierfür Sprache verwendet wird, sind es poetische Metaphern: 'Zwei Seelen, Ach! Wohnen in meiner Brust!'[5].

        Bilder können gemalt, geträumt oder phantasiert sein. Ein berühmtes Bildsymbol aus dem alten Ägypten - der Ouroboros - ist ein Sinnbild für einen sich wiederholenden Wandlungsprozess, jedoch auch Sinnbild der ewigen Wiederkehr und Vereinigung von Gegensätzen.


        Dem deutschen Chemiker August Kekulé soll dieses archaische Symbol 1861 in einem Wachtraum erschienen sein und ihn zur Entwicklung seines Modells des Benzolrings inspiriert haben - nachdem er lange vergeblich mit der Kraft seines Verstandes die Struktur des Benzols zu ergründen versuchte[6]. Innere Bilder erscheinen uns nicht nur in Träumen, sondern können in geleiteten Wachtraumphantasien auftauchen. Die sogenannte katathym imaginative Psychotherapie hat die Arbeit mit solchen inneren Bildern systematisiert. Ich selbst arbeite auch gerne mit der sogenannten indianischen Krafttiermeditation.

        Symbole können in einer Sammlung unterschiedlicher Edelsteine, Knöpfe, Miniaturfiguren gefunden oder aus Materialien wie Ton selbst gestaltet werden. In der folgenden Abbildung ist ein Beispiel aus meiner Arbeit mit Miniaturfiguren in einem Seminar zu sehen, in dem es um die Vertiefung des Zugangs zur eigenen Intuition ging. Jede Figur wurde von einer Person zu einem bestimmten Aspekt ihres Anliegens ausgewählt. Sowohl die Figuren selbst als auch ihre Position zu einander sind individuell bedeutsam und bieten sich so für symbolische Veränderungsarbeit mit oft erstaunlichen und berührenden Wirkungen an.




        Gefundene Materialien in der Natur wie ein Stück Holz, ein besonders geformter Stein oder ein Schneckenhaus können ebenso als symbolisches Ausdruckmittel unseres Selbst dienen. Wer sich mit einer entsprechend innerlichen Vorbereitung auf die Suche nach einem symbolischen Ort in der Natur begibt, kann ebenfalls fündig werden: Eine Baumgruppe, eine Lichtung, der spezielle Lichteinfall, Duft, die Atmosphäre - kurzum, das Aussen wird zur Bühne und Leinwand für unser Inneres. Einmal symbolisiert, können wir so mit neuer Perspektive in Dialog mit dem Symbolisierten treten: Es betrachten, auf uns wirken lassen, ihm einen speziellen Platz geben, es würdigen, damit arbeiten, verändern und so Bewusstheit und Wandel fördern.




        Der Vielfalt der symbolischen Ausdrucksmittel sind prinzipiell keine Grenzen gesetzt - ausser durch jene, die wir uns vielleicht selbst setzen. Joseph Beuys hat uns ermuntert, dies zu lassen und wieder uns Selbst zu wagen: 'Jeder ist ein Künstler!'.

        Nachdem ich nun verschiedene Wege des Ausdrucks unseres Selbst skizziert habe, stellt sich die Frage:

        Wie können wir die Quelle unserer intelligenten Intuition nutzen?

        Sofern ich mich nicht auf meinen analytischen Verstand alleine verlasse und versuche, aus einer Liste aller Pro- und Contra-Argumente meine Entscheidung logisch abzuleiten, kann ich meine Intuition auf zweierlei Weise nutzen:

        1. Ich befrage mit einer geeigneten Methode mich selbst und folge der Resonanz meines Selbst - so wie ich es damals mit den Knöpfen tat.
        2. Ich verbinde die Kraft des Verstandes mit der Intelligenz meiner Intuition in einem Dialog mit mir selbst:
          • Bewusste Überlegungen führen mich zu einer sorgfältig gestellten Frage, die ich an mein Selbst richte.
          • Ich begebe mich sodann in eine empfangende Haltung, wende meine Aufmerksamkeit nach innen ('in-tueri') und bin bereit, mich von der Resonanz meines Selbst überraschen zu lassen: Taucht ein Bild auf? Teilt sich etwas über Körperempfindungen mit? Werde ich überrascht von Assoziationen, Erinnerungen, die rein rational betrachtet erst einmal gar nichts mit meinem Anliegen zu tun haben? Stellt sich keine spontane Resonanz meines Selbst auf ein bewusstes Anliegen ein und tappe ich deshalb weiterhin im Dunkeln, kann ich mit den oben erwähnten Spielarten der Symbolarbeit meinem Selbst eine Möglichkeit bieten, sich mir mitzuteilen.
          • Ich reflektiere bewusst die empfangene Resonanz und frage mich selbst - vielleicht mit der Unterstützung anderer - welche Bedeutung dieses Bild, dieses Symbol, dieses Gefühl für mein Anliegen hat.


        Die Deutung fängt schon damit an, dass ich die Quelle dieser inneren Resonanz benenne. Ist es der 'innere Schweinehund', der mich auf ein bestimmtes Ergebnis meines Knöpfe Zählens hoffen lässt? Oder mein Herz oder meine intelligente Intuition? Oder eine transzendente Eingebung?

        Wenn ich davon ausgehe, dass die innere Resonanz in Form eines Bildes, Gefühls etc. ein bedeutsamer Ausdruck meiner Selbst ist, stellt sich die Frage, was die Resonanz zu bedeuten hat. Es geht jetzt um die Rückübesetzung der Gefühls- oder Bildersprache in Worte. Bleibe ich der Idee des Dialogs mit mir selbst treu, bestimmt nicht die Logik und auch nicht ein Handbuch der Traum- oder Symboldeutung die Bedeutung, sondern wiederum die Resonanz meiner Selbst. Ich mag - alleine oder mit Hilfe anderer - Deutungen in Form von Hypothesen ersinnen. Welche Hypothese zutrifft bestimmt jedoch - wenn ich diese auf mich selbst wirken lasse - ein Gefühl der Stimmigkeit.

        So arbeite ich auch in der Beratung mit Träumen und Symbolen: Ich biete Assoziationen und Deutungen an, jedoch bleibt die Deutungshoheit beim Schöpfer des Traumes oder Symbols. Welche Deutung zutrifft, kann nur die Träumerin bestimmen, in dem sie diese Deutungen auf sich wirken lässt und überprüft, mit welcher dieser Deutungen ihr Inneres gefühlsmässig resoniert - sich also stimmig anfühlt.

        Werden diese Wege begangen, versucht unser bewusstes Ich nicht mehr selbst mit seiner analytischen Verstandeskraft Lösungen zu ersinnen, sondern es begnügt sich mit der Bereitschaft, sich durch Bilder und Symbole als Antwort auf ein zuvor bewusst formuliertes Anliegen überraschen zu lassen und deren Bedeutung selbst-einfühlsam zu entschlüsseln.

        War es also damals intelligent, mich selbst beim Knöpfe abzählen dabei zu ertappen, worauf ich hoffte und dieser Hoffnung dann zu folgen?
        Das ist eine Frage des bewussten Ich: Was ist richtig, was ist intelligent? Es bevorzugt Regeln, Eindeutigkeit, Endgültigkeit.
        Unser Selbst ist offener: Es geht in Resonanz mit dem was ist und erlaubt sich dabei Mehrdeutigkeiten, wenn die wahrgenommene Situation vielschichtige Resonanzen auslöst - ob harmonisch oder dissonant spielt keine Rolle. Wo das Ich mit seinem Wunsch nach Orientierung und Erklärung mehrdeutige Wahrnehmungen und Empfindungen gerne auf eindeutige Begriffe verkürzt und dabei schnell in Entweder-Oder-Kategorien denkt, bleibt das Selbst im Sowohl-als-auch. Hierfür sind Bilder und Symbole sehr viel geeigneter als die linear logische Sprache: weil auch Widersprüchliches und logisch Unvereinbares im Bildhaften verdichtet werden kann.

        Es müssen immer wieder Entscheidungen für das Eine oder das Andere getroffen werden, um handlungsfähig zu werden und voranzukommen: entweder geht der Esel zum einen Heuhaufen, oder zum anderen, oder er verhungert. Ein Sowohl-als-Auch ist für den Esel allenfalls seriell möglich: Erst geht er zum einen Heuhaufen, danach zum zweiten. Es bleibt die Entscheidung, zu welchem Heuhaufen er als Erstes gehen soll und schon fängt das Dilemma-Spiel von vorne an.

        Mein spielerischer Trick mit den Knöpfen hat für mich damals gestimmt. Daraus folgt für mich nicht, dass mein Wunsch mir immer Befehl sein soll. Das Wesentliche ist für mich, dass wir unserem Selbst Gehör schenken, die Resonanz aus unserem Innern empfangen, diese mit den rationalen Argumenten unserer bewussten Erwägungen zusammen in die Waagschale legen und mit unserem Selbst einen Dialog führen. Ich bin überzeugt, dass es uns erst so gelingt, ein Leben zu leben, in dem wir Selbst vorkommen - unser Leben zu leben und nicht das eines Anderen. Wenn ich den Zustand der Welt anschaue, habe ich den Eindruck, wir tun gut daran, uns noch sehr viel mehr darin zu üben, mit uns Selbst im Dialog zu sein, uns selbst wahrzunehmen. Nur in dem Maße, in dem wir uns selbst fühlen, können wir mit anderen fühlen.

        Ingo Heyn

        Oktober 2017






         Fussnoten 

        1. siehe zum Beispiel: Kuhl, Julius: Spirituelle Intelligenz. Glaube zwischen Ich und Selbst. Herder Verlag. 2. Auflage, 2015.
          Storch, Maja; Kuhl, Julius: Die Kraft aus dem Selbst, 2. Auflage, 2013


        2. Wie trainiert man solch ein künstliches neuronales Netz? Die Forscher hatten über 35 000 Profilbilder von Menschen zur Verfügung, die diese auf einer dating website nebst ihrer Selbstauskunft zu ihrer sexuellen Orientierung öffentlich gepostet hatten. Diese Bilder wurden systematisch von der Software auf jene Merkmale hin analysiert, welche ein Gesicht eher weiblich oder männlich erscheinen lassen (z. B. Breite des Kinns, Länge der Nase ect.). Diese Merkmale wurden dann jeweils anhand statistischer Methoden in Beziehung zu der im Profil angegeben sexuellen Orientierung gesetzt. Während befragte Menschen die sexuelle Orientierung anhand der Bilder mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 61 % bei Männern und 54 % bei Frauen richtig einschätzten, lag die Erfolgsquote der Software wesentlich höher: 91 % bei Männern und 83 % bei Frauen www.theguardian.com

        3. www.srf.ch/news/panorama/
          www.heise.de

        4. im Sinne der sogenannten PSI-Theorie nach Julius Kuhl

        5. Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, Die eine will sich von der andern trennen; Die eine hält, in derber Liebeslust, Sich an die Welt mit klammernden Organen; Die andere hebt gewaltsam sich vom Dust (= Staub) Zu den Gefilden hoher Ahnen.
          (Johann Wolfgang von Goethe: Faust I, Vers 1112 1117)

        6. de.wikipedia.org/wiki/August_Kekulé




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