Sich selbst vertrauen - oder: Gibt es dumme Intuition?

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        Mit Logik kann man Beweise führen,
        aber keine neuen Erkenntnisse gewinnen,
        dazu gehört Intuition.

        Henri Poincaré





        'Gibt es auch dumme Intuition?' Diese Frage stellte mir jemand zu Beginn eines Vortrags, den ich vor kurzem über intelligente Intuition hielt[1]. Es war für mich eine sehr naheliegende Frage angesichts der Behauptung, es gäbe intelligente Intuition.

        Meine Antwort: Im Prinzip ja, jedoch spreche ich lieber von Intuition, die uns in die Irre führen kann. Bevor ich ein paar Beispiele hierfür vorstelle, will ich zunächst auf die Bedeutung des Begriffs 'Intuition' eingehen.

        Ursprünglich bedeutet 'Intuition' 'Nach Innen schauen' (lateinisch: 'in-tueri'). Spinoza, ein niederländischer Philosoph des siebzehnten Jahrhunderts definiert Intuition als ein tieferes Erkennen von Grundwahrheiten ohne vorheriges Wissen oder verstandesmässiges Erfassen und trifft damit den Kern des heutigen Sprachgebrauchs: Intuition oder Bauchgefühl wird als eine Quelle des Verstehens oder der Erkenntnis verstanden, die uns ohne bewusstes Schlussfolgern zur Verfügung steht und uns zum Beispiel hilft, in komplexen Entscheidungssituationen eine Entscheidung 'aus dem Bauch heraus' zu treffen. Manche sprechen auch gerne von 'Instinkt' - zum Beispiel James Cameron, Regisseur von 'Terminator' und 'Titanic' in einem Interview (Der Spiegel, 2017, 35), in dem er auf die Frage, wie es ihm gelungen ist, die zwei erfolgreichsten Filme aller Zeiten zu drehen, sagt: 'Alles Instinkt.' Offensichtlich wird hier eine intuitive Entscheidung rückblickend als intelligent und richtig gewertet, weil sie zum finanziellen Erfolg geführt hat. Sind somit 'dumme' Intuitionen solche, die zu falschen Entscheidungen bzw. Urteilen führen?

        Im Umgang mit meiner eigenen Intuition hilft mir die Unterscheidung zwischen elementarer und intelligenter Intuition, die Julius Kuhl, emeritierter Professor aus Osnabrück, in seiner Theorie der Persönlichkeits-System-Interaktionen vorschlägt[2].

        Unter elementarer Intuition verstehe ich all jene automatisierten und somit unbewussten Informationsverarbeitungsprozesse, mit denen mein Gehirn es schafft, blitzschnell Bedeutsames in meiner Umwelt zu erkennen und mit diesen intuitiv gewonnenen Erkenntnissen mein Handeln zu steuern - zum Beispiel beim Fahrrad fahren auf unebenem Gelände. Solche elementaren intuitiven Wahrnehmungsprozesse werden gerne durch optische Täuschungen entlarvt, deren Reiz auf den Fehlleistungen unserer Wahrnehmung unter speziellen Rahmenbedingungen beruhen - zum Beispiel bei der folgenden Abbildung - welche Figur ist grösser?



        Intuitiv drängt sich den meisten Menschen der Eindruck auf, dass die hintere Figur die Grössere ist. Messen wir nach, zeigt sich: beide sind gleich gross.


        Diese bekannte optische Täuschung ist damit zu erklären, dass sich weiter entfernte Objekte auf unserer Netzhaut kleiner abbilden als nähere Objekte und unser Gehirn sich diese Tatsache bei der Einschätzung der Grösse von Wahrnehmungsobjekten zunutze macht. Die perspektivischen Tiefeninformationen (Linien) werden automatisch und sozusagen intuitiv bei der visuellen Wahrnehmung berücksichtigt, so dass die Figuren, die faktisch gleich gross sind, unterschiedlich gross erscheinen, wenn die perspektivischen Tiefeninformationen in Relation zu den gleich grossen Figuren eine unterschiedliche Entfernung derselben suggerieren.


        Eine weitere optische Täuschung, die unter dem Begriff 'Tiefenumkehr' bekannt ist, führt dazu, dass wir bei entsprechender Beleuchtung einer nach innen gewölbten Gesichtsmaske diese als nach aussen gewölbt wahrnehmen - selbst wenn wir wissen, dass sie nach innen gewölbt ist. Für die meisten Menschen ist es nahezu unmöglich, die Abbildung als die Innenseite einer Maske wahrzunehmen[3]:



        Solche intuitiven falschen Wahrnehmungsurteile als 'dumm' zu bezeichnen, wäre jedoch die eigentliche Dummheit. Denn im Grunde handelt es sich hier um bewährte Prinzipien der Auswertung komplexer Wahrnehmungen, die das menschliche Gehirn in seiner langen Evolutionsgeschichte herausgebildet hat, um blitzschnell Wahrnehmungsurteile zu treffen, ohne bewusst überlegen zu müssen. In die Irre führen solche intuitiven Faustregeln (z.B. entferntere Gegenstände bilden sich optisch kleiner auf unserer Netzhaut ab als nähere Objekte) meist nur dann, wenn wir künstliche Kontexte schaffen, die so in der Natur nicht vorkommen. Insofern können wir auch bei elementaren Intuitionen von einer gewissen Intelligenz sprechen, da es die evolutionären Kräfte geschafft haben, sich auf das Wesentliche bei der Auswertung komplexer sinnlicher Wahrnehmungen zu konzentrieren um mit möglichst geringem Zeit- und Energieaufwand die Wahrnehmung einer komplexen Umwelt zu ermöglichen.

        In die Kategorie der elementaren Intuitionen gehören auch gelernte Wahrnehmungs- und Handlungsroutinen - zum Beispiel Lesen. Folgendes schöne Beispiel für die kontextabhängige Deutung von Zeichen stammt aus dem Buch von Daniel Kahneman, Nobelpreisträger und Autor des Bestsellers 'Schnelles Denken, langsames Denken'[4]. Welches Zeichen steht jeweils in der Mitte der drei Buchstaben bzw. Zahlen:



        Jedem, der Rechnen und Lesen gelernt hat, wird es intuitiv leicht fallen, diese Frage zu beantworten und erst eine aufmerksame Betrachtung zeigt, dass ein und dasselbe mittlere Zeichen je nach Kontext mal als 'B' und mal als '13' interpretiert wird. Daniel Kahneman ist aufgrund seiner Interpretation der umfangreichen Forschungsergebnisse zu intuitiven Fehleinschätzungen gegenüber Intuition eher skeptisch eingestellt. Er spricht der Intuition am ehesten dann einen Nutzen zu, wenn wir lange Zeit in einem stabilen Umfeld viel Erfahrungen mit entsprechenden Rückmeldungen dazu, ob wir richtig oder falsch gehandelt haben, machen konnten. So wird zum Beispiel eine professionelle Schachspielerin, die viele Jahre intensiv trainiert hat, ein Auge für die Erfolgsaussichten verschiedener Konstellationen auf dem Schachbrett entwickelt haben und somit relativ rasch und intuitiv die Erfolgsaussichten der in Frage kommenden Schachzüge einschätzen können.

        Gerd Gigerenzer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin, hingegen sieht unsere intuitiven Fähigkeiten in einem wesentlich positiveren Licht. In seinem Bestseller 'Bauchentscheidungen'[5] erläutert er eindrückliche Beispiele für sogenannte intuitive Faustregeln, die es uns erlauben, in einer komplexen Umwelt erfolgreich zu handeln - zum Beispiel wenn es um das Fangen eines Balles geht. Wollte man diese Aufgabe mit dem analytischen Verstand angehen, wären komplexe Berechnungen notwendig, die wiederum die Kenntnisse diverser Variablen erfordern würden (Abwurfwinkel, Ballgeschwindigkeit, Luftwiderstand, eigene Position im Verhältnis zur Position des Werfenden, etc...).

        Selbst wenn jemand zu dieser Berechnung in der Lage sein sollte - der Ball wäre schon lange auf dem Boden aufgeschlagen, bevor das Ergebnis der Berechnung - geschweige denn die entsprechende Handlung (Laufen und Fangen) vollzogen wäre. Es geht offensichtlich anders - selbst manche Dreijährige können das schon und Hunde, die einen in die Luft geworfenen Stock fangen, übrigens auch. Sie wenden laut Gigerenzer folgende intuitive Faustregeln unbewusst an:




        Wenn der Ball noch steigt, beginne zu laufen und passe Deine Laufgeschwindigkeit so an, dass der Ball aus deiner Perspektive konstant steigt.

        Wenn der Ball schon hoch oben in der Luft ist:
        Fixiere den Ball,beginne zu laufen, und passe deine Laufgeschwindigkeit so an, dass der Blickwinkel konstant bleibt.


        Die intuitive Deutung von komplexen Wahrnehmungsmustern findet auch in sozialen Kontexten statt - und bildet somit die Grundlage für Vorurteile, - nämlich dann, wenn sie zu schablonenhafter Wahrnehmung einer individuellen Person aufgrund von Hautfarbe, Kleidung, Geschlecht, sexueller Orientierung etc. führt, ohne mit dieser Person Erfahrungen gemacht zu haben, die solch eine Zuschreibung von Eigenschaften rechtfertigen würde. Vorurteile sind somit die Schattenseite unseres auf Effizienz ausgelegten Gehirns, das durch intuitive Mustererkennung versucht, aus dem gewaltigen Datenstrom, der uns unablässig über unsere Sinne erreicht, möglichst schnell und effizient eine begreifbare Wirklichkeit zu konstruieren.[6]

        Sowohl die intuitiven Faustregeln (Gerd Gigerenzer) also auch die sogenannten Urteilsheuristiken, die Daniel Kahneman als 'Schnelles Denken' und den gedankenlosen 'Sprung in die Schlussfolgerung' bezeichnet, sind Spielarten der elementaren Intuition, ohne die wir trotz möglicher Fehlleistungen nicht unseren Alltag bewältigen könnten.

        Können wir angesichts von Fehlleistungen wie z. B. optische Täuschungen, Bildung von Vorurteilen und intuitive Sprüngen in Schlussfolgerungen, die sich bei genauerer Analyse als falsch erweisen, von 'dummer Intuition' sprechen? Nein, für mich ist es nur dumm, wenn wir uns blindlings auf die Ergebnisse dieser elementaren Intuition verlassen und in entscheidenden Situationen versäumen innezuhalten, um bewusst zu überprüfen, ob es klug ist, unserem ersten Deutungs- oder Handlungsimpuls zu vertrauen - so wie der Richter, der sich seines hartnäckigen intuitiven Eindrucks nicht erwehren konnte, dass dem Angeklagten in seinen logisch nachvollziehbaren Ausführungen nicht zu trauen war. Der Richter ging in sich und prüfte, wie er sich die Diskrepanz zwischen seinem Gefühl ('dem Mann ist nicht zu trauen') und seinem Verstand ('Das klingt alles schlüssig') erklären konnte. Schliesslich dämmerte es ihm: Der Mann erinnerte ihn an seinen Vater, zu dem er keine vertrauensvolle Beziehung gehabt hatte. Als ihm klar wurde, was die Quelle seiner Intuition war, nämlich eine unbewusste Gleichsetzung des Angeklagten mit seinem Vater, löste sich sein Dilemma und er konnte guten Gewissens dem Angeklagten eine faire Chance geben und ihm Glauben schenken.[7]

        Gibt es intelligente Intuition? 'Ja', sagt Julius Kuhl, emeritierter Professor aus Osnabrück, der zusammen mit seinem Forschungsteam die sogenannte PSI-Theorie (Theorie der Persönlichkeits-System-Interaktionen) entwickelt hat[8][9].

        Seine Theorie hat den Anspruch, die Ergebnisse umfangreicher Forschung im Bereich der Psychologie und Neurowissenschaften schlüssig erklären zu können. Im wesentlichen postuliert die Theorie vier grosse funktionale Systeme in unserem Gehirn, die in ihrem bewegten Zusammenspiel je nach Gewichtung ganz unterschiedliche Persönlichkeitstypen hervorbringen können. Emotionale Gestimmtheit und Umwelteinflüsse haben ebenfalls Einfluss auf dieses Zusammenspiel.

        Es würde den Rahmen sprengen, seine Theorie in ihrer Gesamtheit an dieser Stelle vorzustellen. Deshalb möchte ich mich auf die Skizzierung von lediglich zwei der vier funktionalen Systeme, die Julius Kuhl beschreibt, beschränken.

        1. Die intuitive Verhaltenssteuerung:
        Diesem System kann die bereits besprochene elementare Intuition zugeordnet werden. Hierzu gehören auch gelernte komplexe Fähigkeiten wie Sprechen, Tanzen, Autofahren, Musizieren oder Flirten.



        2. Das Extensionsgedächtnis
        Dieses System hält im Wesentlichen sämtliche Lebenserfahrungen mit ihren emotionalen Einfärbungen ('war das Erlebte gut oder schlecht für mich?') in einem weitverzweigten neuronalen Netzwerk zum Abruf bereit. Das 'Selbst' eines Menschen wird ebenfalls diesem System zugeordnet, da es als jener Teil dieses Erfahrungsgedächtnisses definiert wird, mit dem sich ein Mensch identifiziert - das können Fakten, Erfahrungen und Werte sein. Wenn es mir beispielsweise einmal gelungen ist etwas zu erreichen, was mir am Herzen lag, wird dieses Erfolgserlebnis Teil meines Selbst. Oder angenommen ich erlebe, dass mir jemand etwas zutraut, obwohl ich mir nicht sicher war, dass ich es schaffen würde und mir gelingt dies, so wird diese Erfahrung emotional positiv erlebt und Teil meines Selbstempfinden: Mein Selbstvertrauen wächst, weil mir jemand vertraut hat und ich habe dieses Vertrauen nicht enttäuscht. Komme ich nun Jahre später in eine Situation, die ähnliche Emotionen in mir wachruft - zusammen mit der bangen Frage, ob ich das wohl schaffen werde - werden unbewusst sämtliche Erfahrungen, die mit dieser emotionalen Qualität gespeichert wurden ('mir ist bang zumute, etwas flau im Magen: ich stehe vor einer Herausforderung, von der ich nicht weiss, ob ich ihr gewachsen bin'), in meinem Erfahrungsschatz aktiviert. Diese Aktivierung findet unbewusst und parallel, d.h. gleichzeitig im gesamten Netzwerk meiner Erfahrungen statt. Das Ergebnis dieser Aktivierung wird eine emotionale Resonanz, ein Gefühl sein - eventuell einhergehend mit einem Handlungsimpuls -, das nun nicht auf einfache gelernte elementare Wahrnehmungs- oder Handlungsmuster zurückführbar ist.

        Das Ergebnis ist vielmehr die verdichtete emotionale Resonanz unseres ganzen Erfahrungsschatzes inklusive unserer empfundenen Identität und Werte (Selbst) auf eine aktuelle Herausforderung. Diese Quelle unserer intelligenten Intuition, die uns neben unserem bewussten Verstand mit seinen analytischen Fähigkeiten ebenfalls bei der Bewältigung von Herausforderungen zur Seite steht, teilt sich uns nicht über Gedanken mit (die Sprache ist eher das Medium des bewussten Verstandes), sondern über Gefühle, Bilder, Körperempfindungen, Träume, spontane Assoziationen und überraschende Erinnerungen. In solch einem Fall kann die Frage 'Warum fällt mir das ausgerechnet jetzt ein?' zu einem vertieften Verständnis der Bedeutung dessen führen, was wir aktuell erleben.

        Halten wir fest: Für den klugen Umgang mit unseren beiden Quellen der Intuition - die Elementare und die Intelligente - empfiehlt es sich, beide ernst zu nehmen, jedoch nicht blindlings zu vertrauen, denn sie haben auch ihre Schwächen.

        Die Stärken der elementaren Intuition liegen in ihrer Schnelligkeit, die es mir zum Beispiel erlaubt, als geübter Musiker spontan mit anderen auf der Bühne zu improvisieren, ohne mir Gedanken über die einzelnen Bewegungsabläufe meiner Finger machen zu müssen (intuitive Verhaltenssteuerung). Ihre Schwäche liegt dort, wo ich gedankenlos auf bewährte Wahrnehmungs- und Handlungsmuster zurückgreife, ohne der aktuellen Herausforderung gebührende Aufmerksamkeit zu schenken. (Nehme ich wirklich etwas Unstimmiges bei meinem Gegenüber wahr, das Misstrauen rechtfertigt, oder erinnert er mich nur an jemanden, mit dem ich schlechte Erfahrungen gemacht habe?)

        Die Stärken der intelligenten Intuition liegen unter anderem in der Tiefe, mit der sie aus sämtlichen Erfahrungen schöpft und folglich im Laufe unseres Lebens zunimmt. Die Gefahr ist, dass wir ihre manchmal leisen Signale in der Hektik und lauten Geräuschkulisse unseres Alltags überhören oder als nicht so wichtig übergehen - insbesondere wenn wir meinen, unter Druck Entscheidungen treffen zu müssen. Deshalb ist es so ratsam, über eine ausstehende Entscheidung zu schlafen: die intelligente Intuition braucht Zeit und Stille, damit sich uns ihre Antwort in einem Gefühl, (Traum)Bild oder einem eindeutigen Handlungsimpuls zeigen kann.

        Es liegt nahe, dass wir hierzu in gutem Kontakt mit uns sein müssen: Uns selbst vertrauen, uns ernst nehmen und gelassen genug sein, unsere Wahrnehmung nach innen zu richten: 'In-tueri': nach innen schauen.

        Übrigens: Jedem kann es passieren, den Zugang zu seiner intelligenten Intuition vorübergehend zu verlieren, und zwar wenn sich Besorgnis in Angst verwandelt. Ein gewisses Mass an Besorgnis, die mit Herausforderungen einhergeht, ist kein Problem - im Gegenteil, sie macht uns wach und umsichtig, wenn etwas für uns persönlich Wichtiges auf dem Spiel steht. Die Besorgnis ist in gewissem Sinne die emotionale Begleitmusik, die mit bedrohlichen Herausforderungen einhergeht. Wenn das Ausmass der Besorgnis jedoch in Angst mündet, dann schaltet unser Gehirn in den Überlebensmodus: Kampf, Flucht oder Totstellreflex. Damit einher geht, dass wir die nötige Gelassenheit verlieren, mit der wir nach innen schauen, lauschen und spüren können. So verlieren wir leicht den Kontakt zu uns selbst und somit zu unserer intelligenten Intuition. Wir können nun nicht mehr aus dem Vollen schöpfen. Unsere Ressourcen stehen uns nicht mehr zur Verfügung. Der Tunnelblick stellt sich ein. Wir erstarren wie das Kaninchen vor der Schlange.

        Beide Formen der Intuition sind auf ihre Weise vergangenheitsorientiert. Die elementare Intuition nimmt an: Was gestern erfolgreich war, ist jetzt sicherlich auch erfolgreich. Die intelligente Intuition beruht unter anderem auf der emotionalen Resonanz bisheriger Lebenserfahrungen. Deshalb ist es klug, in wichtigen Situationen der Intuition auch den bewussten analytischen Verstand beiseite zu stellen - so wie es der Richter tat, der dem Angeklagten zu Unrecht misstraute und nach sorgsamer Reflexion sein intuitives Urteil revidierte.

        Gibt es auch kollektive Intuition?

        Wir befinden uns in einer Zeit, in der wir nicht nur vor individuellen, sondern auch vor gewaltigen kollektiven Herausforderungen stehen (z.B. Klimawandel).

        Für die Bewältigung komplexer kollektiver Herausforderungen reicht individuelle Intuition nicht aus. Wenn wir nicht nur individuell, sondern auch gemeinsam aus dem Vollen schöpfen wollen, müssen wir mit Gleichgesinnten in einem offenherzigen Dialog nicht nur Informationen und Fachwissen teilen, sondern auch gemeinsam 'in-tuieren', das heisst gemeinsam nach innen schauen und uns jeweils über das Gefühlte, Gesehene, Assoziierte austauschen und überraschen lassen, zu welchen kreativen Antworten auf gemeinsame Herausforderungen diese kollektive Intuition führt. Bekannte Fürsprecher solch einer kollektiven Intuition sind für mich der Physiker und Philosoph David Bohm, der in seinem Buch 'Dialog' für den freien Sinnfluss im Gespräch wirbt ('Dia-Log': 'durch das Wort') und Otto Scharmer, der einen Lehrstuhl für Organisationspsychologie am Massachusetts Institute of Technology (MIT) innehat und im Rahmen seiner 'Theorie U' die Kunst beschreibt, sich intuitiv von der Zukunft her führen zu lassen. Er bezeichnet diese Kunst als 'Presencing'[10]. In meinem Essay Nr. 18 Sinn. Auf der Suche nach dem verlorenen Wozu. habe ich seine Theorie U skizziert.

        Als Sinnbild für das Potential der kollektiven Intuition fällt mir der Kunstgriff ein, mit dem Astrophysiker weltweit verteilte Radioteleskope zu einem riesigen virtuellen Teleskop zusammenschalten, um auf diese Weise noch viel entferntere Sterne im Weltraum zu erforschen, die kein einziges Teleskop alleine, geschweige denn so scharf erfassen könnte[11]. Ich habe schon oft die Erfahrung machen dürfen, dass sich eine ganz andere Tiefe der Reflexion und Qualität der Ergebnisse ergibt, wenn jeder in einer Gruppe sowohl sein Wissen als auch sein intuitives Empfinden für die gemeinsame Arbeit zur Verfügung stellt - nicht immer einfach, denn mitunter werden durch das Zusammenführen unterschiedlicher Perspektiven Vieler die intuitiv gebildeten Sichtweisen Einzelner wieder in Frage gestellt.


        [12]

        Ich habe diesem Essay als Leitbild die Aufnahme einer Passionsblüte vorangestellt. Sie ist für mich ein treffendes Sinnbild für die intelligente Intuition: Die Blüte steht für das offene, empfangsbereite und somit auch verletzliche Selbst. Nur so kann es sich durch neue Erfahrungen berühren und natürlich auch befruchten lassen. In diesem Sinne lasse ich das folgende Bild für die Idee der kollektiven Intuition sprechen und wünsche uns allen, dass es uns immer wieder aufs Neue gelingt, unseren ganz persönlichen Zugang zu unserer intelligenten Intuition zu finden und im klugen Zusammenspiel mit unserem Verstand all dem zur Verfügung zu stellen, was uns wirklich am Herzen liegt.



        Ingo Heyn

        September 2017






         Fussnoten 

        1. MCV-Spirit, Zürich-Oerlikon, August 2017: Wege zu den Quellen der intelligenten Intuition

        2. Kuhl, Julius; Strehlau, Alexandra: Handlungspsychologische Grundlagen des Coaching. Reihe 'essentials' Springer Verlag 2014. (kurze Einführung in die PSI-Theorie)

        3. de.wikipedia.org/wiki/Tiefenumkehr . Einige eindrückliche Beispiele der rotierenden Maske finden sich auf Youtube - zum Beispiel hier: www.youtube.com/watch?v=sKa0eaKsdA0

        4. Kahneman, D: Schnelles Denken, Langsames Denken. 2016 (Original: Kahneman, D.: Thinking, Fast and Slow. Penguin Books, 2011.)

        5. Gerd Gigerenzer: Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition. Bertelsmann, München 2007

        6. siehe hierzu auch: Wie bastelt sich unser Gehirn die Wirklichkeit?

        7. Beispiel aus der empfehlenswerten Dokumentation des Bayrischen Rundfunks: 'Auf den Spuren der Intuition

        8. Martens, J.; Kuhl J.: Die Kunst der Selbstmotivierung, 5. Überarbeitete Auflage, Kohlhammer, 2013

        9. Storch, Maja; Kuhl, Julius: Die Kraft aus dem Selbst, 2. Auflage, 2013

        10. Presencing ist ein Kunstwort, das sich aus Presence und Sensing zusammensetzt: In der Gegenwart ("Presence")

        11. Spiegel-Online: Forscher schiessen schärfstes Bild eines Sterns

        12. Quelle der Abbildung: www.mpifr-bonn.mpg.de/mitteilungen/2017/5




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