Konflikteskalation im Heizungskeller

<<     Essay Nr. 20    >>



        Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort.
        Dort treffen wir uns.

        Rumi





        Alles fing ganz harmlos an, nicht wirklich der Rede wert. Eine kleine Wasserpfütze, die sich auf dem Boden des Heizungskellers gebildet hatte. Auf der Suche nach dem Putzlumpen frage ich mich: Woher kommt das Wasser? Vom Waschbecken in der Nähe oder leckt etwa eines der Rohre, durch die eine Wärmepumpe kaltes Wasser neunzig Meter tief in die Erde pumpt, damit es sich dort erwärmen kann? Jetzt auf die Schnelle bleibt das eine offene Frage. Dafür habe ich gerade keine Zeit.

        Erste Irritationen

        So entwickelt sich auch manch ein Konflikt, der zu diesem Zeitpunkt noch keiner ist: Erste Irritationen, die man jedoch leicht wegwischen oder anderweitig mit wenig Aufwand ignorieren kann, denn es gibt gerade Wichtigeres zu tun.

        Ein paar Tage später hat sich wieder eine Pfütze gebildet. Etwas größer, mit einem Rinnsal, dessen Spur zu den Heizungsrohren führt. Jetzt schaue ich genauer hin. Kondenswasser hat sich auf der kalten Oberfläche jener Metallrohre gebildet, die kaltes Wasser in die Tiefe führen. Dort ist die Schaumstoffisolierung undicht und blankes schwitzendes Metall ist zu sehen. War das schon immer so? Nun ja, vermutlich ein kleines Problem, und wer weiß, ob meine Diagnose überhaupt zutrifft, schließlich funktioniert die Heizung schon seit fast zehn Jahren einwandfrei. Kondenswasser war noch nie ein Problem. Ich entscheide mich, die Entwicklung zu beobachten. Jedoch: wegwischen hilft nur kurzfristig. Die Wasserpfütze taucht in unregelmäßigen Abständen auf. Ein Leck ist nicht zu entdecken. Was tun?

        Chronische Irritationen

        So entwickelt sich auch manch ein Konflikt, der zu diesem Zeitpunkt immer noch keiner ist, sondern nur eine chronische Irritation: Etwas beginnt uns zu stören und beansprucht ungebeten unsere Aufmerksamkeit. Zum Beispiel kommt jemand wiederholt unpünktlich und es wird Zeit, diese Irritation einmal anzusprechen, damit sich das Verhalten bessert. Ich kann mich für ein Gespräch unter vier Augen entscheiden. Traue ich uns nicht zu, das alleine regeln zu können - beispielsweise aufgrund schlechter Erfahrungen - können wir auch mit Hilfe eines Dritten unsere Angelegenheit klären und neue Vereinbarungen treffen, damit wir in Zukunft wieder besser miteinander können. Tun wir jetzt immer noch nichts, besteht kaum Hoffnung, dass sich etwas bessert, im Gegenteil. Die Erfahrung lehrt: Verhaltensmuster sind wie Pfade im Wald. Je öfter sie begangen werden, desto breiter und selbstverständlicher werden sie.

        Ich vereinbare einen Termin mit einem Heizungsinstallateur, der nach dem Rechten schauen soll. Er bestätigt meine Hoffnung, dass es sich nur um Kondenswasser handelt und ein Leck ausgeschlossen werden kann - rät mir jedoch dazu, die Ummantelung aus Schaumstoff bei Gelegenheit zu erneuern, damit die Metallrohre nicht noch mehr zu rosten beginnen. Ich atme auf und nehme sein Angebot gerne an, einen geeigneten Fachmann vorbeizuschicken, der das alles richten wird. Der Fachmann lässt auf sich warten, länger als gedacht - ich werde wohl demnächst mal nachhaken müssen. Nächste Woche - jetzt gerade habe ich keine Zeit.

        So bahnt sich auch manch ein Konflikt an: chronische Irritationen, die zwar begutachtet und gedeutet werden, jedoch mangels rechtzeitiger Interventionen bestehen bleiben.

        Ich habe genug zu tun. Unliebsame Phänomene rund um Heizungsrohre, die eigentlich nur dazu sind, unauffällig ihren Dienst zu verrichten, damit es in unserem Haus gemütlich warm bleibt, vergesse ich für eine Weile - bis sie mir wieder jäh in Erinnerung gerufen werden. Mit einmal wird es kalt im Haus. Verdächtig kalt. Die Heizung ist ausgefallen. Sämtliche Sicherungen des Heizungssystems lassen sich zwar wieder einschalten, die Wärmepumpe jedoch nicht. Stunden später liegt eine erste fachmännische Diagnose vor: Kondenswasser ist nicht nur auf den Boden getropft, sondern hat auch seinen Weg in die elektronischen Innereien der Wärmepumpe gefunden und dort einen Kurzschluss verursacht. Teure Ersatzteile müssen bestellt werden. Eine Reparatur ist binnen drei bis vier Tagen möglich. Und bis dahin? Es ist November, auch unser Schicksal lässt ihn kalt. Zum Glück gibt es einen offenen Kamin im Wohnzimmer. Dort kann mit Holz zumindest das Wohnzimmer geheizt werden - und notfalls könnte eine Bauheizung ausgeliehen werden.

        Schmerzhafte Wendepunkte

        So wird auch manch eine chronische Irritation zu einem Konflikt. Plötzlich geschieht etwas, das die gemeinsame (Arbeits-)Beziehung in ein "Vorher" und ein "Nachher" spaltet: Man kann nicht länger so tun, als wäre nichts gewesen - zum Beispiel weil es zu beleidigenden Äußerungen gekommen ist, und das auch noch im Beisein Dritter, oder ein Verhalten als Vertrauensbruch erlebt wurde. Manchmal gibt es eine Explosion, die Fetzen fliegen. Und manchmal ist es eine Implosion: Weil sich der Getroffene nicht noch mehr Blöße geben will, behält er den Schmerz für sich, der Kurzschluss bleibt verborgen. So oder so: "Jetzt ist der Ofen aus!".

        Vereisung

        Recht bald ist eine atmosphärische Unterkühlung spürbar - sofern Kontakt nicht ohnehin vermieden werden kann. Das wäre das Beste, denkt manch einer dann.

        Kalt ist es nun, formal statt normal. Die Haltung dahinter: "Mit dem rede ich nicht mehr oder nur das Nötigste!". Wird derjenige dennoch angesprochen, sind die Antworten vereist. Christoph Thomann nennt diesen Wendepunkt "point of no return" [1] [2]. Es handelt sich um das Erleben einer schmerzhaften Schlüsselsituation, die man nicht ungeschehen machen kann. Ein Abgrund hat sich aufgetan und eine Brücke nicht in Sicht.

        Zwei Tage später kommt der Techniker und tauscht die Wärmepumpe aus. Die Kosten hierfür sind wesentlich höher als jene für die Erneuerung der Rohrisolationen zur Vermeidung von Kondenswasser - die nach wie vor erledigt werden muss.

        Wärmepumpen und andere Maschinen reparieren ist eine Sache - aber wie kann emotional aufgeräumt werden, damit ein Neubeginn zwischen Menschen möglich wird?

        Wenn es überhaupt noch eine zweite Chance für ein offenherziges Miteinander gibt, dann hilft keine Entschuldigung, solange diese nur als Lippenbekenntnis wahrgenommen wird. Da ist mehr nötig:

        Bereit sein und wagen.

        Als erstes müssen wir bereit sein, wirklich hinzuschauen, und zwar gemeinsam. Um herauszufinden, ob wir wirklich wollen, kann sich jeder folgendes fragen: Warum habe ich mich verschanzt, versteckt, vergraben? Was darf nie mehr geschehen? Und welche Werte könnten mich aus meinem Schützengraben ziehen, um erneut den Frieden zu suchen? Wollen wir doch noch einmal einen Grund suchen, auf dem wir einander würdigen und begegnen können? Was hätten wir beide davon? Was würde es mich kosten, es erneut zu wagen? Was bräuchte ich dafür? Und was bräuchtest Du dafür? Und vom hoffentlich fernen Ende unseres Lebens aus betrachtet: Soll es wirklich nun so bleiben wie es zwischen uns geworden ist? So kann man sich selbst befragen und auch den andern -jedoch: Es gibt Türen, die öffnen sich nur von innen. Manchmal ist die Zeit noch nicht reif, müssen erst Wunden verheilen oder eine Entscheidung getroffen werden. Und wie weiter, wenn Türen sich öffnen?

        Wahrnehmen und einfühlen.

        Die entscheidende Situation muss vom schmerzhaft Getroffenen noch einmal geschildert werden: Wie war das damals für mich? Was waren meine Absichten und Hoffnungen und was lag mir am Herzen? Wie habe ich Dich erlebt, wie habe ich Dein Verhalten erlebt, welche Absichten dahinter vermutet und was genau hat mich so getroffen?

        Es sollte eine Schilderung sein, die mir erlaubt, nachvollziehen zu können, wie der Andere erlebt hat, was geschehen ist. Es geht um Wahrnehmen, nicht um Recht geben. Es geht für denjenigen, der solch ein Gespräch unterstützt, nicht um Recht sprechen, sondern darum, den beiden Konfliktpartnern einen einfühlenden Perspektivwechsel zu ermöglichen. Gelingt dies, klingt das sinngemäß zum Beispiel so: "Aha, nun kann ich verstehen, wie es Dir ergangen ist, denn mir würde es vermutlich ähnlich gehen, wäre ich in solch einer Situation gewesen." Dies ist der heilsame Moment, der für die Anwesenden - zum Beispiel auch einen Dritten, der das Klärungsgespräch moderiert - sofort spürbar ist: Es löst sich etwas zwischen den beiden, atmosphärisch entspannt sich etwas, die Stimme wird weicher, die Körperhaltung des Getroffenen wird zugewandter, direkter Blickkontakt und Ansprache findet wieder statt, Interesse erwacht wieder, der Tonfall wird versöhnlicher. Nur: Heilung kann man nicht herstellen. Heilung geschieht jenseits des Zugriffs unseres Willens. Ich kann sie durch mein Tun allenfalls begünstigen oder verhindern.

        Es geht keineswegs um eine formale Entschuldigung, keine Zuschreibung von Täter- und Opferrollen und auch keine reumütigen Schuldbekenntnisse. Es geht um eine emotionale Resonanz, ein erkennbares Mitfühlen, das dem Getroffenen ermöglicht zu sehen, dass es dem Anderen aufrichtig leid tut.

        Einander aufklären und Konkretes vereinbaren.

        Nach solch einem heilsamen Hinschauen können sich beide Konfliktpartner am ehesten einander darüber aufklären, von welchen Werten, Bedürfnissen und Interessen sie sich in ihrem Verhalten haben leiten lassen - und durch welche Gefühle sie sich zu etwas haben hinreißen lassen. Fragen für solch einen Austausch können zum Beispiel lauten: "Warum warst Du denn so wütend? Wie kann ich mir Deinen Ärger erklären? Und was hättest Du in dieser Situation gebraucht? Was hätte Dir geholfen, über das zu sprechen, was Du in dieser Situation so vermisst hast?"

        Sind die wesentlichen Werte und Bedürfnisse ausgesprochen und vom anderen wahrgenommen worden, stellt sich die nächste Frage: "Was müssen wir verabreden, damit wir in Zukunft das Verletzende vermeiden und sicherstellen, dass wir entsprechend unserer Werte und Bedürfnisse wieder gut miteinander leben und/oder arbeiten können?"

        Wird nicht aufgeräumt, flackern Rachegelüste auf und warten auf eine günstige Gelegenheit. "Na warte: wie Du mir, so ich Dir!".

        Inzwischen ist es in unserem Haus wieder behaglich geworden. Niemand muss sich länger warm anziehen an einem Ort, an dem sich jeder zu Hause fühlen soll. Wiederkehrende Pfützen im Heizungskeller werde ich in Zukunft schneller ernst nehmen. Wegwischen und mit dem Aufräumen warten ist eine gefährliche Alternative.


        Ingo Heyn, Dezember 2014

        P.S: Was Klärungshilfe bedeutet, erläutere ich hier: Was ist Klärungshilfe





        Weblinks

        • Manchmal müssen wir Menschen, mit denen wir beruflich, freundschaftlich oder partnerschaftlich verbunden sind, schlechte Nachrichten überbringen, sprich: ihnen eine bittere Wahrheit zumuten. Wie können wir einfühlsam und doch standhaft bleiben, wie uns schützen? Und würdevoll für Klarheit sorgen? Auf diese Fragen gehe ich hier ein: Die Kunst, schlechte Nachrichten zu überbringen - und zu überleben

         Fussnoten 

        1. Die hier dargestellten Phasen der Konfliktentwicklung entsprechen sinngemäss dem Modell "Die Fieberkurve der Konfliktentwicklung" von Christoph Thomann, u.a. beschrieben in: Thomann, C.; Schulz von Thun, F.: Klärungshilfe 2: Konfliktklärung im Beruf: Methoden und Modelle klärender Gespräche, 2004.

        2. Weiterführende Literatur: Glasl, Friedrich: Konfliktmanagement. Ein Handbuch für Führungskräfte, Beraterinnen und Berater. Haupt Verlag. 10. Auflage 2011.



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