''Ich bin eine Königin? - Und warum bedienst Du mich dann nicht immer?''

<<     Essay Nr. 16    >>


        "Leben. Es ist ein sonderbares Geschenk,
        und ich weiss nicht, wie wir es eigentlich nutzen sollen,
        aber ich weiss, dass es das einzige Geschenk ist, das wir je erhalten,
        und dass es ein gutes Geschenk ist."

        John Updike





        Ich sitze mit meinen drei Töchtern auf dem Sofa und schaue mit ihnen die Videoaufzeichnung eines Märchens an, das der Schauspieler und Sprecher Moritz Stoepel so wunderbar in Szene zu setzen weiß. Gerade hat der König, der all seinen äußeren Reichtum und sein Schloss verloren hat - jedoch im Herzen reicher ist denn je - , seinen kleinen Zuhörern gesagt, dass jeder eine Königin oder ein König ist, auch wenn sie es vielleicht noch gar nicht wissen.

        Meine fünfjährige Tochter, die gerade einmal wieder ihr rosa Prinzessinnenkleid trägt, schaut mich erstaunt an und fragt: "Bin ich auch eine Königin?" "Ja", antworte ich, "Du bist auch eine Königin."

        "Aber Du bedienst mich doch gar nicht immer und bringst mir auch nicht alle Sachen ans Bett!"

        Das also ist die kindliche Vorstellung einer Königin - und es wundert mich auch nicht. In vielen Märchen scheinen Zofen und Diener nur dieses zweifelhafte Glück ihres Königspaares zu ermöglichen: Endloses Feiern, Schwelgen, Herrschen und wohltätig hier und da Gnade walten lassen. Und wenn ich die Titelbilder und Hofgeschichten der einschlägigen Presse anschaue, die mit offiziellen Glamourfotos und Paparazzi-Schnappschüssen dem Volk einen neidvollen Blick über die Schlossmauern gewähren, so würde es mich nicht wundern, wenn manch ein Erwachsener ähnlich denkt: "Ja, genau, das ist es, was mir fehlt! Ich bin noch nicht reich genug!".

        Wenn ich jetzt zu Weihnachten meinen Kindern etwas schenken werde, dann bediene ich vielleicht genau diese Vorstellung meiner kleinen Tochter, was es heisst, eine Königin zu sein: Einen Wunsch erfüllt zu bekommen und beschenkt zu werden. Das tue ich auch gerne. Aber nicht nur. Denn ich schenke ihnen auch etwas, wenn ich ihre kindliche Vorstellung von Glück enttäusche, wenn es weniger Geschenke gibt als erhofft, weniger Schokolade als verlangt, weniger Fernsehen als erbettelt. Wenn ich ihnen die Grenzen, die genauso zum Leben gehören, ja ohne die das Leben gar nicht möglich wäre, nicht auch zumuten würde - und in Kauf nehme, dafür als böser Papa zu erscheinen. Wichtig ist für mich nur, dass ich bereit bin, ihre Enttäuschung, ihren Schmerz, ihr Quengeln und ihre Wut auszuhalten, dieses Auflehnen wenigstens innerlich in den Armen zu halten und ihnen diesen ungehaltenen Ausdruck des Lernens zu lassen. Das gelingt mir nicht immer und unter allen Umständen. Auch meine Kraft und Geduld hat ihre Grenzen. Und wenn es mir mal nicht gelingt, dann will ich es ihnen wenigstens nachher wieder schenken - eben dieses: Du darfst wütend auf mich sein, Du darfst enttäuscht von mir sein, Du darfst Dich von mir nicht verstanden fühlen. Du darfst lebendig sein. Auf Deine ganz eigene Weise. So, wie ich mir das auch erlaube und Dir zumute. Wenn ich meiner Tochter auch dieses schenke, behandele ich sie wie eine Königin.

        Ingo Heyn, Dezember 2012






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