Jenseits der Symbole muss die Sinnlichkeit wohl grenzenlos sein

<<     Essay Nr. 11    >>




        Das Märchen von der Wolke


        Der Tag ging aus mit mildem Tone,
        so wie ein Hammerschlag verklang.
        Wie eine gelbe Goldmelone
        lag groß der Mond im Kraut am Hang.

        Ein Wölkchen wollte davon naschen,
        und es gelang ihm, ein paar Zoll
        des hellen Rundes zu erhaschen,
        rasch kaut es sich die Bäckchen voll.

        Es hielt sich lange auf der Flucht auf
        und sog sich ganz mit Lichte an; -
        da hob die Nacht die goldne Frucht auf:
        Schwarz ward die Wolke und zerrann.

        Rainer Maria Rilke







        Vor vielen Jahren - man schrieb das Jahr 1925 - veröffentlichte ein junger Student an der Universität in Chicago die Ergebnisse seiner Studien zur Natur des Geistes unter dem Titel "Symbolik und Realität"[1].

        Dies war der Auftakt für ein reiches Lebenswerk, das auch über seinen Tod im Jahre 1979 hinaus einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der philosophischen Erkenntnistheorie ausüben sollte.

        Die Rede ist von einem der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts: Charles W. Morris, der sich Zeit seines Lebens insbesondere für das Wesen und den Gebrauch von Symbolen interessiert hat.

        Ein kleiner Ausflug im Herbst und ein Symbol auf meinem Mobiltelefon inspirierten mich dazu, einen wesentlichen Kerngedanken der Philosophie von Charles W. Morris anhand meiner eigenen Erfahrungen auszuleuchten. So ist dieses Essay entstanden.

        Auf dem Bildschirm meines Mobiltelefons gibt es ein paar Symbole - zum Beispiel ein Symbol mit einer Sonne. Wenn ich dieses auswähle, öffnet sich für ausgewählte Orte eine Liste, die mir für die kommenden vier bis fünf Tage einen Überblick darüber gibt, wie sich vermutlich das Wetter entwickeln wird - pro Tag ein Symbol: zum Beispiel eine ungetrübte Sonne, eine Sonne mit Wolken, Nebel, oder auch dunkle Wolken mit schweren Regentropfen. Vielleicht gibt es noch zwei drei weitere Symbole, aber damit erschöpft sich der Vorrat an Zeichen.

        Heute ist für das aktuelle Wetter das Symbol mit den dunklen Wolken und Regentropfen aktiviert. Reflexhaft färbt sich meine Stimmung etwas dunkler ein. Ein enttäuschter Blick aus dem Fenster bekräftigt die Bedeutung des Symbols: eine graue Wolkenwand über dem Jura kündigt das Ende eines goldenen Herbstes an. Eigentlich hatte ich einen kleinen Ausflug geplant. Ich zögere einen Augenblick, dann gebe ich mir einen Ruck und mache mich dennoch auf den Weg.

        Unterwegs gerate ich in einen kräftigen Regenschauer, aber dank meiner Regenjacke bleibe ich trocken und die Regentropfen, die mir während meiner Fahrt mit dem Fahrrad ins Gesicht klatschen, erfrischen mich. Ich fahre weiter, eine Weile auf einer Anhöhe, von wo aus ich einen guten Blick habe auf die Autobahn, die sich wie eine bleierne Schlange rauschend durch die Landschaft frisst. Sie ist blind für die leuchtend bunten Herbstlaubtupfer, mit denen die Bäume am Wegesrand den Boden schmücken und so das schwere Grau der Herbstwolken lindern. Angekommen im Wald, fahre ich eine zeitlang über Wanderwege und Reitpfade, bevor ich - angelockt durch erdigen Duft und die stille Würde bemooster alter Baumstämme - absteige und zu Fuß weiter durch das Unterholz stapfe. Durch das Laubdach über mir fallen feine Tropfen, die mir wie winzige Sterne entgegen stürzen, wenn ich meinen Blick nach oben richte. Unter meinen Schuhen knacken kleine Zweige, und Laub, unter der Glasur verschmolzener Regentropfen farbig schimmernd, zeichnet zusammen mit Pilzen, Moos und Erde ein erfrischendes Bild auf den Waldboden. Der Anblick eines alten Baumes, eingehüllt in einen weichen Mantel aus Moos, weckt in mir die Lust, ihn zu berühren. Ich setze mich auf eine noch trockene Stelle nahe seinem Stamm und lehne mich zwischen zwei kräftigen Wurzelsträngen an. Was für ein schöner Herbstaugenblick. Ich atme auf. Wie gut, dass ich nach einem kurzen Blick auf das wenig verheißungsvolle Symbol meines Mobiltelefons die Welt da draußen nicht schon als bekannt und meiner persönlichen Erfahrung als nicht würdig abgehakt habe.

        Diese Erfahrung ist für mich ein passendes Beispiel für die Gefahr, die die Verwendung von Symbolen mit sich bringt - sozusagen der Preis, den wir dafür zahlen, dass wir unsere Erfahrungen mit Hilfe von Symbolen, zu denen auch Worte, erinnerte Bilder und mentale Erklärungsmodelle gehören, verdichten und so für unseren Geist handhabbar machen.

        Die Gefahr besteht darin, dass wir uns nur noch in der Welt der Symbole bewegen und uns nicht mehr die Zeit nehmen, die Welt jenseits ihrer symbolischen Abbildung in unserem Geist mit unseren Sinnen unvoreingenommen zu erfahren. Wir laufen Gefahr, die Welt nur noch kurz und oberflächlich durch den äußerst begrenzenden Filter eines Symbols zu betrachten und sogleich zu bewerten, ohne sie noch einmal neu zu entdecken, uns von ihr erfüllen zu lassen. Welch Verlust für meine Sinne, wenn ich mich mit dem Symbol, das dunkle Regenwolken darstellt, begnüge, wenn ich glaube jetzt zu wissen, was da draußen los ist, und auf die sinnliche Erfahrung des Herbstwaldes verzichte - wie er duftet, wie die Herbstfarben leuchten, wie sich feuchtes Moos auf einem alten Baumstamm anfühlt. Diese Gefahr, sich gar nicht mehr auf die unvoreingenommene Entdeckungsreise zu begeben, lauert natürlich auch in langjährigen Beziehungen zu Menschen: Unsere Fähigkeit, mentale Bilder anzufertigen, uns ein Bild vom anderen machen, kann dazu führen, dass irgend wann dieses Bild so gefestigt ist, dass wir nur noch unser Bild vom anderen abrufen und nicht mehr wagen, einander mit unseren Sinnen neu zu erfahren.

        Was einen Preis hat, sollte auch einen Wert haben - doch worin besteht der Wert unserer Fähigkeit, unsere Erfahrung der Welt in Symbolen zu verdichten?

        Wie schon eingangs erwähnt, hat der Philosoph Charles W. Morris einen grossen Teil seines Lebens der Untersuchung von Symbolen und ihrem Verhältnis zu Erfahrung und Verhalten gewidmet. In seiner wichtigen Abhandlung "Symbolik und Realität - eine Untersuchung der Natur des Geistes" schreibt er:

        "[die Fähigkeit zur Verwendung von Symbolen] bietet damit die Möglichkeit zur Kontrolle gegenwärtigen Verhaltens durch abwesende Objekte oder Reize, die aufgrund der Repräsentationsfähigkeit von Symbolen Eingang finden. An die Stelle von unmittelbaren Reaktionen können nunmehr echte verzögerte Reaktionen treten. Denken und Geist sind entstanden."

        Mit anderen Worten: Erst durch die symbolische Verdichtung unserer unmittelbaren Erfahrung von Ereignissen und Menschen können wir diese auch dann in unser Bewusstsein rufen, wenn sie gerade nicht gegenwärtig und somit nicht mit unseren Sinnen erfahrbar sind, und zwar als eine Erinnerung, die immer symbolisch ist, denn das Symbol ist wie die Erinnerung lediglich ein Stellvertreter für die tatsächlich gemachte Erfahrung.

        Diese Fähigkeit, Erfahrungen in Symbole zu fassen, neu zu kombinieren und aus ihnen logische Schlüsse zu ziehen, eröffnet uns Menschen überhaupt erst die Möglichkeit, Vergangenheit und Zukunft zu denken. Wir sind nicht länger darauf angewiesen, etwas unmittelbar und jetzt zu erfahren, um es in unserem Verhalten zu berücksichtigen. Wir können es erinnern, herholen und uns vorstellen, wie es zum Beispiel sein könnte, jetzt durch einen frischen, vor Regen triefenden Herbstwald zu gehen, ohne es tatsächlich tun zu müssen. Ich kann jetzt in diesem Augenblick über meine Erfahrung mit Hilfe von Worten, die ja auch Symbole sind, schreiben, und damit Sie als LeserIn dazu einladen, eigene Erfahrungen, die Sie vielleicht schon auf Spaziergängen durch einen Wald im Herbst gemacht haben, wachzurufen.

        Das ist eine großartige Fähigkeit, die wir Menschen im Laufe unserer Evolution entwickelt haben, und ohne die unsere Kultur gar nicht denkbar wäre. Das ist der Wert unserer Fähigkeit zur symbolischen Verarbeitung unserer sinnlichen Erfahrungen. Doch wie gesagt, der Preis ist die Gefahr, dass wir uns nur noch in der Welt der Symbole bewegen und gar nicht mehr eintauchen in die sinnliche, durch keinerlei Voreingenommenheit getrübte Erfahrung der Welt.

        Morris schreibt hierzu:

        "Die Entwicklung der symbolischen Ebene unter der Vernachlässigung der anderen Beziehungen zwischen den Lebewesen und der Welt [...] führt zu der Denkmaschine, die sich in jeder nicht-symbolischen Umwelt unwohl fühlt; die mangelnde Entwicklung der symbolischen Ebene führt zu einer Person, die in der Welt der Dinge und der Menschen zu Hause ist, aber eher ein Sklave der Dinge als deren Meister ist.[...] Eine reiche Persönlichkeit erzwingt die Aufgabe dieser künstlichen Trennung und fordert die wechselseitige Durchdringung von Theorie und Praxis."

        Morris plädiert also dafür, nicht nur in der Welt der Symbole zu Hause zu sein, sprich: mit Hilfe geeigneter mentaler Landkarten und vernünftigen Schlussfolgerungen aus der Vergangenheit zu lernen und gestaltend auf die symbolisch vorweggenommene Zukunft Einfluss zu nehmen, sondern auch immer wieder einzutauchen in den "Strom des Gegebenen", wie er an anderer Stelle schreibt.

        Mit "dem Strom des Gegeben" bezeichnet er das, was sich unseren Sinnen in all seiner Fülle ungefiltert darbietet und noch nicht in unserem Geist in Symbolen kondensiert ist - ähnlich wie Dampf, der sich erst dann tropfenförmig niederschlägt, wenn er auf eine kühle Oberfläche trifft.

        Gelingt jemandem beides in ungewöhnlich hohem Mass, sieht Morris darin eine grosse Gabe. Er formuliert es so:

        "Eine hohe Symbolisierungsfähigkeit, die durch den Kontakt mit vergangenen symbolischen Ausdrucksformen und mit dem nicht-symbolischen Reichtum des Stroms des Gegegebenseins genährt und entwickelt wird, ist ein grundlegendes Merkmal des Genies."

        Der im Jahre 2009 an Herta Müller verliehene Literaturnobelpreis weist auf die grosse, nicht zu unterschätzende Bedeutung hin, die die kunstvolle symbolische Verdichtung von Erfahrungen in einer unterdrückenden Diktatur hat. Denn erst die literarische Aufarbeitung schrecklicher Ereignisse wie auch beispielsweise Erfahrungen in Konzentrationslagern während der Herrschaft der Nationalsozialisten[2] ermöglicht es einem grösseren Kreis von Menschen, aus der Vergangenheit zu lernen, ihr Mitgefühl für die Opfer zu wecken und so wach und bereit zu sein, der Entwicklung totalitärer Machtstrukturen frühzeitiger entgegenzuwirken.

        "Eintauchen in den Strom des Gegebenen" - wie Morris schreibt - ist die andere Seite des Lebens, in der wir uns nicht in einer geschlossenen Welt der Symbole bewegen, sondern neue Erfahrungen machen, also nicht im bequemen Lehnsessel uns das Leben über die symbolische Bildersprache des Fernsehens oder über den Strom von Worten eines Buches sicher und steril servieren lassen, sondern hinausgehen und bereit sind, nass zu werden.

        Übrigens finde ich bei Charles W. Morris eine interessante Antwort auf die Frage, was es bedeutet, tiefsinnig zu sein: Tiefsinnig ist jemand in dem Augenblick, in dem er seine symbolische Ausdrucksfähigkeit tief in der sinnlichen Erfahrung der Welt verwurzelt. Verwenden wir einen Baum als Bild, um das Verhältnis von symbolischem Ausdruck (z. B. in Form von Sprache) und Erfahrung zu beschreiben, so entspricht ein tiefsinniger Geist einem hohen Baum mit einer vielfach verästelten Krone, deren Blätter einzelne Konzepte und Ideen repräsentieren, die alle ihren Lebenssaft aus ihrer Verbindung mit den Wurzeln dieses Baumes ziehen, die tief in den Strom des Gegebenen (d.h. in einem gegebenem Augenblick Erfahrbaren) hineinreichen, wobei die Wurzeln seine Sinne repräsentieren, mit denen er den Strom des Gegebenen sinnlich erfährt. Das Potential zu Tiefsinn wächst also um so mehr, je weniger jemand sich scheut, tief in die Erfahrung einzutauchen. Geistige Tätigkeit und sinnliches Erleben werden nicht als einander ausschliessende Gegensätze verstanden, sondern einander bedingende Größen: Je tiefer die Wurzeln eines Baumes reichen, desto höher kann er wachsen.

        Charles W. Morris merkt hierzu lapidar an:

        "Der Verdacht nimmt immer mehr zu, dass Tiefsinnigkeit und sprachliche Schwerfälligkeit nicht identisch sind".

        Der Lyriker Rainer Maria Rilke ist für mich jemand, der mit seinem künstlerischen Schaffen immer wieder gezeigt hat, wie intensive sinnliche Erfahrung und eine hohe Reflektionsgabe zu einem Kunstwerk verschmelzen können, das von Tiefsinn und Leichtigkeit gleichermaßen geprägt ist - Als Beispiel sei hier folgendes Gedicht von Rainer Maria Rilke zitiert:

        Das Märchen von der Wolke


        Der Tag ging aus mit mildem Tone,
        so wie ein Hammerschlag verklang.
        Wie eine gelbe Goldmelone
        lag groß der Mond im Kraut am Hang.

        Ein Wölkchen wollte davon naschen,
        und es gelang ihm, ein paar Zoll
        des hellen Rundes zu erhaschen,
        rasch kaut es sich die Bäckchen voll.

        Es hielt sich lange auf der Flucht auf
        und sog sich ganz mit Lichte an; -
        da hob die Nacht die goldne Frucht auf:
        Schwarz ward die Wolke und zerrann.




        Kann man noch leichter und zugleich eindringlicher über Werden und Vergehen, über die Flüchtigkeit allen Seins sprechen?

        John Dewey, ein ebenfalls bedeutender amerikanischer Philosoph, hat zu dieser Grundbedingung unserer Existenz geschrieben:

        "Die Welt ist unsicher und gefährlich [...]. Unser magischer Schutz vor dem ungewissen Charakter der Welt besteht darin, die Existenz von Veränderungen zu bestreiten, die Allgegenwart von Ursache und Wirkung zu behaupten, die Gleichförmigkeit der Natur, universalen Fortschritt und die dem Universum innewohnende Rationalität zu betonen. [...] Ist jedoch all dies gesagt und getan, so ist der grundsätzlich gefährliche Charakter der Welt nicht ernsthaft modifiziert und noch weniger beseitigt."[3]

        Ein neuer Tag ist angebrochen. Ich schaue auf den Bildschirm meines Mobiltelefons. Das Wettersymbol hat sich nicht verändert - es ist das selbe wie am Vortag: dunkle Wolken mit schweren Regentropfen. Ich schaue aus dem Fenster. Trotz identischem Symbol bietet sich mir heute ein ganz anderes Bild: Das Wetter hat sich wesentlich verschlechtert. Es regnet in Strömen. Heute entscheide ich mich anders. Ich warte noch ein wenig und nutze die Zeit, dieses Essay, diese kleine Komposition aus Symbolen, noch einmal zu überarbeiten. Denn auch das Spiel mit Symbolen hat seinen Reiz. Aber bevor die Nacht hereinbricht werde ich bestimmt noch einmal hinaus gehen - selbst wenn ich dabei nass werden sollte.


        Ingo Heyn

        Herbst 2009
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         Fussnoten 

        1. Charles W. Morris, Symbolik und Realität, Suhrkamp Verlag, 1981

        2. Ich empfehle insbesondere: Viktor E. Frankl: ... trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. DTV Verlag. Taschenbuchausgabe, 28. Auflage, 2007

        3. John Dewey, zitiert in Charles W. Morris, Symbolik und Realität



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