Die Kunst, zwischen Sein und Soll zu stranden: Wie basteln wir uns ein Problem?

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        "Jede Teilung, die wir vornehmen, ist das Resultat unserer Denkweise.
        In Wirklichkeit besteht die ganze Welt aus ineinander fließenden Übergängen.
        Aber wir wählen bestimmte Dinge aus und trennen sie von anderen, zunächst aus Bequemlichkeit.
        Später messen wir dann der erfolgten Unterscheidung grosse Bedeutung bei. [...]
        Der entscheidende Punkt ist: Das Denken bewirkt etwas, sagt aber, ich war's nicht.
        Und das ist ein Problem."

        David Bohm, aus seinem Buch "Vom Dialog"


        "Der Weg hinaus ist durch die Tür.
        Wie kommt es, dass niemand diesen Ausgang benutzt?"

        Konfuzius



        Nachdem ich in meinem letzten Essay "Über die Unmöglichkeit, einen Keks zu essen und ihn weiterhin zu besitzen"[1] über ein wesentliches Grundprinzip unserer Wahrnehmung geschrieben habe, wird es in diesem Essay ganz praktisch: Es gibt eine Bastelanleitung. Aber zunächst ein Vorwort.

        Eine Leserin beschrieb mir neulich ihren Erkenntnisprozess bildhaft als eine Form des Steinchensammelns für ihr Denkmosaik, wobei die Steinchen für die Gedanken anderer Menschen stehen, von denen sie sich inspirieren lässt - eine schöne Metapher, finde ich, denn es weist darauf hin, dass wir unser Bild von der Wirklichkeit aus Gedankenmaterial basteln, - dementsprechend wäre unser Gehirn also eine Art Bastelstube - nur um im nächsten Moment unser schöpferisches Tun zu vergessen und es sogleich für die Wirklichkeit selbst zu halten .

        Der Begriff "Denkmosaik" weist für mich auch auf eine weitere Eigenheit dieses Produkts unserer Denkkraft hin: Unser Bild der Wirklichkeit ist niemals fertig und auch jederzeit wieder veränderbar, in dem wir aufgrund neuer Erfahrungen oder Überlegungen hier und dort ein Steinchen entfernen, um es mit einem schöneren oder passgenaueren zu ersetzen[2]. Und manchmal ist es auch gut, den Mut zur Lücke zu haben und darauf zu vertrauen, dass schon irgendwann das fehlende Stück uns finden wird.

        Eine für mich spannende Frage ist: Was erfahren wir, wenn wir alle Stücke entfernen? Und haben wir dann noch ein Problem? Solltest Du Dich auf solch ein Experiment einlassen und Dir dabei zu viele Probleme abhanden kommen, habe ich hier ein Rezept, wie Sie sich wieder eines zulegen, oder besser: erschaffen können. Also das geht so[3]:


        Teil I: Bastelanleitung (in fünf Schritten)

        Schritt Eins: Malen Sie sich aus, wie es sein könnte.

        Unterscheiden Sie zwischen Sein und Soll. Erzeugen Sie eine Vorstellung, die von Ihrer derzeit erlebten Wirklichkeit beträchtlich abweicht oder manövrieren Sie sich in eine Situation, die herzlich wenig mit Ihren Plänen zu tun hat.

        Beispiel:
        Frankfurter Hauptbahnhof. Es ist Freitag später Nachmittag. Hektisches Gedränge, bei dem ich eifrig mitmache, denn ich will nach der anstrengenden Leitung eines Seminars noch gerne den Zug Richtung Basel erwischen, der laut Plan in fünf Minuten abfahren soll. Da steht schon der Zug, ich freue mich, es geschafft zu haben, denn das bedeutet, dass ich nicht all zu spät zu Hause ankommen werde.
        Ich lasse mich dummerweise durch die Eile anstecken, die der Schaffner an den Tag legt, um bereits fünf Minuten vor planmäßiger Abfahrt die herbeieilenden Reisenden zum Einsteigen zu bewegen. Warum er dies tut, obwohl doch für meinen Zug noch fünf Minuten Zeit gewesen wäre, wird kurz nach Abfahrt des Zuges klar, als der Fahrkartenkontrolleur erst mein Ticket anschaut, dann mich und mir trocken mitteilt, dass meine Fahrkarte für diesen Zug nicht gültig ist: "Sie haben das falsche Ticket. Dieser Zug fährt nicht nach Basel, sondern nach Berlin. Sie müssen für diese Strecke noch eine Zugfahrkarte bei mir lösen. Wo wollen Sie denn hin?"


        Falls Ihnen die Herstellung einer genügend grossen Abweichung zwischen Vorstellung und Wirklichkeit gelingt, haben Sie jedoch noch kein Problem, nur eine Abweichung zwischen Sein und Soll - deshalb zu ...


        Schritt zwei: Begehren Sie!

        Bewerten Sie die fantasierte Wirklichkeitsvariante als besser, schöner, begehrenswerter. Vergleichen Sie zwischen Deinem momentanen Seinszustand und dem phantasierten Sollzustand und treffen Sie ein Werturteil, in dem Sie den jetzigen Seinszustand als weniger attraktiv bewerten als das, was Ihrer Ansicht nach auch sein könnte:

        Ich schlucke und wünsche mir für einen Augenblick, der falsche Zug und der Schaffner mögen nur ein böser Traum sein. Ich wache jedoch nicht auf -ich bin schon wach. Ein paar Sekunden später hat die neue Wirklichkeit mein reflexhaft errichtetes Bollwerk des Unglaubens durchbrochen und alle meine bisherigen Vorstellungen von einer zeitigen Ankunft Zuhause ertränkt. Mir ist jetzt klar, warum der Zug fünf Minuten früher abgefahren ist. Es ist der falsche Zug auf dem richtigen Gleis, der Verspätung hatte. Darum die Hektik des Schaffners beim Einsteigen. Am Freitag Abend ungewollt in Berlin einzutreffen erscheint mir weniger attraktiv als mein ursprünglicher Plan. Noch weniger reizt mich die Vorstellung, dafür auch noch eine Fahrkarte zu lösen. Wie schön wäre es doch, im richtigen Zug zu sitzen, der wohl jetzt gerade zum Einsteigen bereit ist!


        Jedoch auch dieses Werturteil reicht noch nicht aus, ein Problem zu haben, denn es fehlt noch ?

        Schritt drei: Laufen Sie gegen eine unüberwindliche Wand.

        Finden Sie ein Hindernis, das überwunden bzw. beseitigt werden müsste, um Ihren gegenwärtigen Seinszustand in den herbeigesehnten Sollzustand zu transformieren.

        Ich finde zwei Hindernisse: Hindernis Nummer eins: Der Zug fährt in die falsche Richtung - die Türen sind geschlossen, und selbst wenn sie zu öffnen wären: Abspringen bei der bereits erreichten Geschwindigkeit könnte evt. noch weitere unerwünschte Abweichungen von meinem Lebensplänen nach sich ziehen . Hindernis Nummer zwei: ein Schaffner, der mir eine Fahrkarte verkaufen will, die ich nicht haben will.

        Hindernisse an sich garantieren uns aber auch noch kein Problem, denn es kann durchaus Freude bereiten, Hindernisse zu überwinden - man denke nur an Bergsteigen oder Kinderspiele wie Sackhüpfen, bei dem man sich bewusst den Prozess des Bewegens durch die Welt erschwert und dabei auch noch was zu Lachen hat. Achten Sie deshalb darauf, dass es ein Hindernis ist, das für Sie unüberwindbar ist.

        Zunächst zu Hindernis Nummer zwei, das sich in Gestalt des Schaffners vor mir aufgebaut hat. Es gelingt mir, den Schaffner davon zu überzeugen, dass ich gerade gegen meinen Willen in die falsche Richtung transportiert werde. Nachdem er meine Fahrkarte nach Basel genauer inspiziert hat, schenkt er mir Glauben und teilt mir freundlicherweise mit, wann die nächste Gelegenheit ist, umzusteigen: in etwa anderthalb Stunden in Kassel. Na wunderbar!


        Herausforderungen sind noch keine Probleme, nur Hindernisse, an denen wir uns ausprobieren und messen können.

        Zumindest Hindernis Nr. Zwei scheidet als Problem aus. Der Schaffner war nur eine Herausforderung, die wenige Augenblicke später im Gedränge der Reisenden bereits verschwunden ist. Jedoch: ich entferne mich inzwischen mit erhöhter Geschwindigkeit weiter von Zuhause weg. Diese Vorstellung löst eine weitere körperlich deutlich spürbare Welle der Auflehnung in mir aus. Blitzartig durchzucken mich verschiedene Handlungsoptionen. Ich könnte die Notbremse betätigen. Nein, dies würde andere Konsequenzen nach sich ziehen, die vermutlich teurer und zeitaufwändiger wären, als bis zum nächsten Bahnhof durchzuhalten.

        Leider sind auch Herausforderungen, für die wir nicht sofort eine Lösung finden, noch kein Problem, denn wir könnten uns ja mit ihnen abfinden. Also Achtung! Es besteht jetzt die Gefahr, die erfolgreiche Schaffung eines Problems kurz vor Vollendung doch noch zu verpatzen. Deshalb kommen wir jetzt zu ...


        Schritt vier: Begehren Sie weiterhin

        Sie dürfen trotz gefühlter Unüberwindbarkeit des Hindernisses deine Wunschvorstellung unter keinen Umständen loslassen. Ich stelle mir unwillkürlich vor, wie schön es gewesen wäre, nach einer anstrengenden Woche noch einen gemütlichen Freitag Abend zu haben. Wie schön und entspannt es doch sein könnte, jetzt im richtigen Zug zu sitzen. Ich fluche innerlich. Auf mich selbst, weil ich mich von der Hektik am Bahnsteig hatte anstecken lassen und nicht mehr genau auf die Anzeigentafeln geschaut hatte, aber noch mehr auf die Bahn. Ahh, tut es gut, wenigstens einen Schuldigen für die eigene Misere zu haben!

        Jetzt haben Sie zwar ein Problem, aber Sie müssen es noch präparieren, ähnlich einem frisch entwickelten Foto, das erst noch in der Dunkelkammer fixiert werden muss, damit man es dauerhaft immer wieder hervor holen und betrachten und in Erinnerungen schwelgen kann, da es sonst unter Tageslicht ganz schwarz werden würde und unwiederbringlich zerstört wäre. Deshalb sollten Sie jetzt noch einen letzten wichtigen Schritt vollziehen, damit sich das Problem nicht gleich wieder in Wohlgefallen auflöst:


        Fünfter und letzter Schritt: werfen Sie den Schlüssel weg

        Vergessen Sie, dass Sie selbst all die bisherigen Schritte ausgeführt haben, um ein Problem zu haben und seien Sie der Meinung, dass jemand anderes für dein Problem verantwortlich ist. Hilfreich ist auch die Schuld bei jemand anderem zu suchen. Im Bild gesprochen: nachdem Sie sich selbst eingesperrt haben, müssen Sie jetzt noch den Schlüssel wegwerfen.

        Ich stöhne innerlich. Anderthalb Stunden in die falsche Richtung! Ich habe in dem überfüllten Zug noch nicht mal einen Sitzplatz. Ich könnte jetzt woanders sein. Ein hässlicher Gedanke nagt hartnäckig in mir: Jede Minute, die ich jetzt verbringe, muss ich nachher noch mal im Zug sitzen, nur um drei Stunden später wieder in Frankfurt zu sein. Nicht Zuhause. In Frankfurt! Zu einer Zeit, da ich schon fast zuhause sein könnte! Die Bahn mit ihren ständigen Verspätungen! Ich Idiot! Ich könnte ....

        Glückwunsch! Jetzt haben Sie ein Problem. Zumindest solange, bis Sie sich wieder an Ihren schöpferischen Akt erinnern: Apropos Erinnerung - hier noch mal die wesentlichen Schritte, um ein Problem zu basteln:

        Malen Sie sich aus,

        • wie es sein könnte
        • Begehren Sie
        • Laufen Sie gegen eine unüberwindliche Wand
        • Begehren Sie weiterhin
        • Werfen Sie den Schlüssel weg.

        "Ich Idiot! Typisch deutsche Bahn!" Diese beiden Gedanken könnten mir übrigens durchaus als geeigneter Rohstoff dienen, um mir daraus weitere Probleme zu basteln. Mit dem ersten Gedanken könnte ich eine systematische Selbstabwertungsorgie beginnen und mich so mit der Zeit in eine nachhaltige Depression hineinmanövrieren. Den zweiten Gedanken könnte ich beispielsweise zum Anlass nehmen, rechtliche Schritte gegen die deutsche Bahn zu erwägen. Vermutlich ohne Aussicht auf Erfolg aber mit um so mehr Aussicht auf noch mehr Ärger. Beides bedeutet jedoch Arbeit, und dazu bin ich manchmal einfach zu faul. Manchmal, leider nicht immer...


        Es ist also gar nicht so einfach, ein Problem zu haben, man muss schon einiges dafür tun.
        Und damit es auch nachhaltig ein Problem bleibt, vermeiden Sie unbedingt folgende Gefahren:


        Gefahr Nr. 1:

        Sie vergessen Ihren Traum von dem, was gerade nicht ist bzw. was Sie gerade nicht besitzen.
        Sie könnten schon bei Schritt eins die Erzeugung eines neuen Problems verpatzen, indem Sie es versäumen, sich nicht was Besseres als das was gerade ist, auszumalen.

        zum Beispiel könnte ich die ungeplante Zugfahrt als willkommene Gelegenheit nutzen, mich dem spannenden Buch, das ich im Gepäck habe, ein wenig länger zu widmen.


        Gefahr Nr. 2:

        Sie hören auf zu begehren.
        Achtung: wie schon der Fuchs in einer berühmten Fabel könnten Sie hier in die Falle der "Saure- Trauben-Politik" verfallen: In dem Sie das, was für Sie nicht erreichbar ist, als sowieso nicht schmackhaft abtun.

        Zum Beispiel: "wer weiss, wie entspannend es wirklich zu Hause gewesen wäre."

        Achten Sie also sorgfältig darauf, dass Sie Ihre Bewertung dessen, wie es sein könnte, nicht verändern. Deshalb: Begehren Sie! Begehren Sie! Begehren Sie! Schon vor etwa 2500 Jahren erkannte Buddha dieses Prinzip und drückte es in einer seiner vier edlen Wahrheiten aus: "Die Ursachen des Leidens sind Begehren, Abneigung (negatives Begehren) und Unwissenheit über die Natur des Leidens" (Samudaya).


        Gefahr Nr. 3:

        Sie akzeptieren Ihre Ohnmacht.
        Achten Sie darauf, dass Sie nicht vergessen, sich an der unüberwindbaren Wand zwischen Wunsch und Wirklichkeit abzuarbeiten und kommen Sie bloß nicht auf die Idee, nach anderen Wegen der Erfüllung Ihrer unstillbaren Sehnsucht zu suchen. Unterlassen Sie das und akzeptieren Sie bloß kein Nein - und akzeptieren Sie nicht, dass Ihr Wille an Grenzen stoßen kann. Weigern Sie sich tunlichst, angesichts der Kräfte, die sich Ihren Einfluss entziehen, Ihre Ohnmacht anzuerkennen.

        Zum Beispiel könnte ich in meinem falschen Zug auf die Idee kommen, die Gelegenheit zu nutzen, mich im Annehmen des Unabänderlichen im Leben zu üben, mich zurücklehnen und das Ganze mal wieder als ein wunderbares Beispiel für die weisen Spruch von John Lennon betrachten: "Life is what happens to you while you are busy making other plans "[4].

        Ich könnte mir auch vorstellen, dass ich nur noch drei Stunden zu leben hätte. Wollte ich diese drei Stunden mit Ärger zubringen? Ich könnte mich angesichts dieser Vorstellung dazu durchringen, meine Ohnmacht zu akzeptieren und meinen Traum von einer planmäßigen Reise in die Heimat loszulassen. Es könnte mir gar folgende Geschichte vom chinesischen Bauern in den Sinn kommen:

        Mal sehen[5]

        Einem chinesischen Bauern liefen zwei wilde Pferde zu. Da sagten die Leute: "Jetzt hast Du aber Glück gehabt."
        Er aber sagte: "Mal sehen".
        Am nächsten Tag hat sein Sohn die Pferde eingeritten, fiel aber herunter und brach sich ein Bein.
        Jetzt sagten die Leute: "Da hast du aber Pech gehabt."
        Der chinesische Bauer aber sagte: "Mal sehen"
        Am nächsten Tag kamen Abgesandte des Kaisers, um Rekruten für den Krieg auszuheben, ließen aber den Sohn mit dem gebrochenen Bein zurück.


        Vergessen Sie derlei Überlegungen und Geschichten sofort wieder, denn sie könnten Ihnen ansonsten den Genuss eines ausgewachsenen Problems nachhaltig vermasseln.

        In dieser Bastelanleitung habe ich mich darauf konzentriert, den Weg in jenes Jammertal zu weisen, in das wir nur dann geraten, wenn wir uns weder einer Herausforderung, die uns eine Situation bietet, wacker stellen - d.h. unser Schicksal in die Hand nehmen - noch uns dem Gegebenen tapfer fügen - d.h. unser Schicksal annehmen. Deshalb lautet die Kurzanleitung:

        Nehmen Sie Ihr Schicksal weder an noch in die Hand.


        Teil II: Nachgedanken zur Bauanleitung

        Stimme ich hier eigentlich ein Loblied auf tatenlose Schicksalsergebenheit an? Salopp formuliert: Ist alles schon ganz OK so wie es ist - im Sinne des Philosophen Gottfried W. Leibniz, der schon im 17. Jahrhundert mit der Idee spielte, dass wir in der besten aller Welten leben? Ist also die Vorstellung einer besseren Welt schon die Saat aller Probleme und deshalb tunlichst zu vermeiden, sofern man ein problemloses Leben führen will?

        Nein! Denn wäre es beispielsweise ansonsten noch denkbar, dass sich Menschen gegen Rassismus, Faschismus, Unterdrückung, Gewalt, Umweltverschmutzung, für ein freies Tibet, höhere Löhne bei besseren Arbeitsbedingungen oder einfach nur für mehr Spaß und Schokolade engagieren? Mit anderen Worten: wäre der persönliche Einsatz dafür, dass die Welt - gemessen an unseren Werten - ein wenig besser wird, noch möglich, wenn wir nicht die herausragende Fähigkeit hätten, Probleme in Form von wahrgenommenen Ist-Soll-Differenzen, die wir nicht länger hinnehmen wollen, zu basteln?

        Immerhin verdanken wir ja unzähligen wagemutigen und erfinderischen Menschen, die sich nicht mit dem Gegebenen zufrieden gaben, sowohl gesellschaftlichen als auch technischen Fortschritt. Man denke nur an jene Revolutionen, die schließlich den Weg zu demokratischen Gesellschaftsformen ebneten und in technologischer Hinsicht an die Erfindung des Heißluftballons und des Flugzeugs. Es gab eine Zeit, da wurden die Menschen, die die ersten Flugmaschinen bauen wollten, ausgelacht für ihre verrückten Ideen .

        Deshalb rede ich hier nicht über die Art von Problemen, die als Herausforderungen wahrgenommen und deshalb die visionäre Vorstellungskraft, den Wagemut und die Kreativität von Menschen anstacheln, die keine Lust verspüren, sich mit dem Gegebenen abzufinden. Ich bin froh, dass es sie gibt, denn sie sind unverzichtbarer Motor für Entwicklung.

        Unnötig Kräfte zehrend für alle direkt und indirekt Beteiligten - am meisten jedoch für den "Problembesitzer" - finde ich den Umgang mit Problemen dann, wenn wir gegen eine Wand rennen (Schritt 3, siehe Bauanleitung oben) UND das Jammern beginnen UND damit die Wand oder gar unsere Mitmenschen als Klagemauer herhalten müssen. Diese Haltung setzt nicht mehr kreative Schaffenskraft frei, sondern reißt nur ein schwarzes Loch in unsere eigene Seele, das gleich den kosmischen schwarzen Löchern alles Licht und alle Energie wie ein riesiger Staubsauger in sich aufnimmt und nichts mehr davon hergibt. Gleichzeitig wird eine Chance verpasst, das Beste aus dem herauszuholen, was uns die unerwünschte Situation zu bieten hat. Für diejenigen, die solch schwarze Löcher schätzen, ist die oben erläuterte Bauanleitung gedacht. Diejenigen die etwas anderes wollen seien an folgenden bekannten englischen Spruch erinnert:

        Love it. (Liebe es).

        If you cannot love it, change it. (Wenn du es nicht lieben kannst, ändere es).

        If you cannot change it, leave it. (Wenn du es nicht ändern kannst, verlasse es / geh weg).

        If you cannot leave it, live with it! (Wenn du es nicht verlassen kann, lebe damit).

        Da ich die Wahlfreiheit als Menschenrecht sehr schätze, füge ich diesem Spruch gerne eine weitere Variante hinzu:...

        or get depressed (oder werde depressiv).

        Die Folgen dieser depressiven Variante erläutert in meiner Geschichte "Ein unvermeidliches Geschenk" die Göttin des Brunnens dem König:

        "Hast du nicht den steinernen Fuchs in der Brunnenfassung gesehen?", fragte sie mich.
        "Du meinst den schlafenden Fuchs, der seine Schnauze in sein Fell gegraben hat?"
        "Er schläft nicht. Er will nur die Wurzeln des eigenen Kummers abnagen und verbeißt sich dabei immer mehr in sein eigenes Herz. Er sieht nichts mehr, er lebt nicht mehr, er fügt seinem Schmerz nur Schmerz hinzu."[6]


        Moment mal! Ist wirklich alles so einfach?

        Im Prinzip ja, aber wehe es wird praktisch. Gefühle wie Schmerz und Trauer einfach wahrzunehmen, ohne der Versuchung zu erliegen, sie vermeiden zu wollen und damit wieder gegen eine Wand zu laufen bzw. ins Klagen und Jammern zu verfallen, finde ich schon eine rechte Herausforderung. Im falschen Zug zu sitzen mag ja noch mit etwas Übung hinnehmbar sein - aber ich erinnere mich, wie es mir ging, als eine grosse Liebe in meinem Leben zu Ende ging und wie es war, als ein geliebter Mensch viel zu früh starb - dann sind da Gefühle, die es auszuhalten und zuzulassen gilt, die konnte ich nicht einfach mit Gedanken, mit einer anderen Haltung vermeiden, durch die musste ich hindurch. Trauer und Schmerz wollen einfach gefühlt werden, damit etwas wieder heilen kann. Nichts anderes. Ob es mir passt oder nicht. Sonst geh? ich vor die Hunde. Womit wir wieder bei der Wahlfreiheit wären.

        Und noch etwas:
        Da wir sterbliche Wesen sind haben wir ein paar Bedürfnisse, die auf kurz oder lang befriedigt werden müssen, damit wir noch eine Weile leben können - zum Beispiel atmen, trinken, essen, schlafen. Konkret:

        Was hilft mir die Beherzigung der vorherigen Überlegungen, wenn ich gerade in eine Gletscherspalte gefallen bin ohne jegliche Hoffnung darauf, noch rechtzeitig entdeckt zu werden? In solch einer ausweglosen Situation hätte ich irgendwann nur noch die Freiheit zu entscheiden, ob ich damit leben will, dass ich sterben werde, oder mich dagegen auflehne - was aber an meinem Schicksal auch nichts ändern würde. Wäre in solch einem Augenblick Lebenskunst in ihrem Kern gleichbedeutend mit der Kunst, sterben zu können? Ist die Beherrschung dieser Kunst vielleicht überhaupt die tiefste Bedeutung von Hingabe - auch jenseits einer Gletscherspalte? Es muss ja nicht immer gleich der Körper sein, der stirbt, manchmal reicht es schon, einen Wunsch, einen Anspruch, eine Vorstellung, wie die Welt gefälligst zu sein hat, sterben zu lassen, damit man endlich wieder zu leben beginnt.

        Inzwischen bin ich längst in Kassel umgestiegen. In Basel habe ich sogar noch den letzten Anschlusszug erwischt. Eine außerplanmäßige Übernachtung blieb mir erspart. Dafür wurde mir - wie sich drei Jahre später herausstellen sollte - ein kleines Beispiel für diesen Essay beschert, über das ich heute lachen kann. - Ich atme auf ...

        ... und wünsche Ihnen eine blühende Frühlingszeit!

        Ingo Heyn

        April 2008


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         Fussnoten 

        1. Essay Nr. 7: Über die Unmöglichkeit, einen Keks zu essen und ihn weiterhin zu besitzen

        2. Hierzu gibt es ein Buch, das einen auf sehr spannende und unterhaltsame Weise erschüttern kann: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?, von Paul Watzlawick. Von ihm stammt auch das ebenfalls empfehlenswerte Buch "Anleitung zum Unglücklichsein".

        3. Zu dieser Bastelanleitung wurde ich durch Gunther Schmidt inspiriert, bei dem ich vor einigen Jahren eine wunderbar unterhaltsame und zugleich lehrreiche Ausbildung in systemischer Beratung geniessen konnte. Ich habe mir erlaubt, sie aufgrund eigener praktischer Erfahrungen im Basteln von Problemen weiterzuentwickeln.

        4. Leben ist das, was uns geschieht, während wir damit beschäftigt sind, andere Pläne zu schmieden.


        5. Zitiert nach Bert Hellinger, Ordnungen der Liebe, 1994

        6. "Ein unvermeidliches Geschenk", Ingo Heyn, 2005



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