Die Sprache der inneren Weisheit

<<     Essay Nr. 2    >>



        "Goya entdeckte sein Genie an dem Tag, an dem er aufgab, anderen Menschen gefallen zu wollen"

        André Malraux über den spanischen Maler Francisco de Goya (1746 - 1828).



        In meinem ersten Essay mit dem Titel "Ist die Quantenphysik der Liebe auf der Spur?"[1] habe ich Ihnen von einem Buch[2] des Quantenphysikers A. Goswami berichtet, der überzeugt ist, dass die verblüffenden und widersprüchlich erscheinenden Ergebnisse quantenphysikalischer Forschung am besten mit einer alten Erkenntnis westlicher und östlicher Mystiker erklärbar sind: der Ursprung allen materiellen Seins ist ein allumfassendes transzendentes, also alles durchdringendes und jenseits von Raum und Zeit existierendes Bewusstsein.


        Gut und schön - aber die wenigsten Menschen fühlen sich als Teil dieses angeblich allumfassenden Bewusstseins - und für jene, die von sich behaupten, solch eine Erfahrung schon mal gemacht zu haben, verblasst die Erinnerung daran spätestens dann, wenn sie die Steuererklärung für ihr Finanzamt erstellen müssen. Die meisten von uns erleben sich als voneinander getrennte Wesen, sind mal entspannt, mal angespannt, mal traurig, liebend, wütend, ärgerlich, vergnügt, erregt, gelangweilt, mitunter bewegt von Sehnsüchten, Hoffnungen, Träumen, Konflikten ...

        Wie lässt sich die Idee eines allumfassenden Bewusstseins mit unserem menschlichen Erleben als zwar bewusstseinsbegabte, aber vom Rest der Welt getrennte Wesen in Einklang bringen?



        Dieser Frage möchte ich in meinem zweiten Essay nachgehen und als Antwort eine "mentale Landkarte" vorstellen, die ich "die Entstehung der emotionalen Sphären" nenne[3]. Unter einer mentalen Landkarte verstehe ich ein Modell, das uns ermöglicht, die Komplexität der Welt soweit zu vereinfachen, dass wir uns auf das Wesentliche konzentrieren können. Wenn wir wandern, interessiert uns vor allem eine übersichtliche Darstellung des Wegenetzes, die Darstellung der einzelnen Bäume würde eher stören. Der notwendige Preis einer jeden Landkarte ist, dass wir nicht alles erfassen können. Wer eine Wetterkarte zu Rate zieht, kann nicht erwarten, dass sie ihm auch als Wanderkarte gute Dienste erweist. In diesem Sinne möchte ich hier nicht den Eindruck erwecken, mit der Landkarte der emotionalen Sphären die Komplexität menschlichen Erlebens vollständig abbilden zu können. Das wäre naiv und eine fahrlässige Vereinfachung.



        Die Landkarte der emotionalen Sphären ermöglicht uns jedoch zweierlei: Zum Einen können wir unsere psychische bzw. emotionale Entwicklung von einem allumfassenden Bewusstsein hin zu einem sich als getrennt erlebenden Wesen nachvollziehen - Zum Anderen ermöglicht uns diese Landkarte, unsere Gefühle besser zu verstehen. Hierbei kann es sich um Gefühle handeln, wie wir sie zum Beispiel in Konfliktsituationen erleben, aber auch um die allgemeine emotionale Grundfärbung unseres Lebens. Für mich ist solch eine Landkarte sehr nützlich, denn meine Erfahrung ist: wenn wir unsere Gefühle besser verstehen, werden sie zu wertvollen Wegweisern und erlauben uns, eine Idee zu entwickeln, was wir zu tun haben, bzw. in welche Richtung wir zu schauen haben - sofern wir uns persönlich weiter entwickeln und unser Herz und Bewusstsein weiten wollen.



        Gefühle sind wie unsere Träume die Sprache unserer inneren Weisheit. Um mit dieser inneren Weisheit in Verbindung zu sein, bedarf es lediglich dreierlei: erstens den Mut das zu fühlen, was wir tatsächlich fühlen, zweitens das, was wir fühlen, für wahr zu nehmen, anstatt unsere Gefühle abzuwerten und beiseite zu schieben, - selbst dann, wenn es uns oder anderen nicht ins Konzept passt - und drittens zu verstehen, auf was uns unser Gefühl aufmerksam machen möchte. Das wäre an sich keine große Kunst, wenn wir nicht die menschliche Neigung hätten, das Angenehme zu suchen, vor dem Unangenehmen zu fliehen und nur das für wahr zu nehmen, was in unser Bild von uns und dem Rest der Welt passt.




        Die Entstehung der emotionalen Sphären


        Der Ursprung: offen, schutzlos und lebensbejahend

        Stellen Sie sich einen jungen, in der Entstehung begriffenen Planeten vor.
        Zu Beginn ist er noch eine Gaskugel, eine durchlässige Atmosphäre, noch nicht durch kosmische Kräfte, wachsende Schwerkraft und innere Reaktionen im Kern verdichtet. Diese Atmosphäre schwebt im Universum, um sich selbst rotierend, die Grenzen zu dem sie umgebenden unendlichen Raum durchlässig und fließend.
        Dieses Bild soll uns als Metapher dienen für den emotionalen Zustand, in dem ein Mensch geboren wird.
        Seine Psyche ist jedoch keine Atmosphäre, sondern eine durchlässige, noch nicht verdichtete Sphäre im Universum des Bewusstseins - ihr Ursprung ein Mysterium, ihre Entstehung ein Wunder. Wie in meinem ersten Essay erwähnt, geht A. Goswami davon aus, dass unser Ursprung in einem allumfassenden, alles durchdringenden Bewusstsein liegt, den wir im Prozess unserer Ich-Werdung vergessen - wir können uns allerdings dieses Ursprungs, dieser eigentlichen Essenz unseres Wesens auch wieder bewusst werden, zum Beispiel durch Meditation oder andere bewusstseinserweiternde Übungen. Diese Auffassung haben schon unzählige Mystiker sowohl östlicher als auch westlicher Herkunft seit Jahrtausenden vertreten (siehe zum Beispiel die Upanishaden des Hinduismus, die dieses Bewusstsein "Brahman" nennen: Tat tvam asi. "Du bist all das").


        Von all diesen theoretischen Überlegungen weiss der werdende Mensch natürlich noch nichts. Er kommt als ein spontanes, pulsierendes, lebenshungriges Wesen auf die Welt - leicht und zerbrechlich, empfindsam und vergänglich.
        Von Beginn seines Lebens an hat das Baby existentielle Bedürfnisse, die gestillt werden müssen: Es braucht Wasser, Nahrung, Sauerstoff, Wärme, Schlaf, Pflege und Liebe. Die Nabelschnur jedoch ist gekappt, die sofortige Befriedigung seiner Bedürfnisse keineswegs mehr garantiert. Die Erfahrung dieser bitteren Wahrheit führt zu einer ersten Verdichtung seines Bewusstseins. Er zuckt vor der schmerzhaften Welt zurück, zieht sich etwas zusammen - eine zweite Sphäre entsteht:

        Die Sphäre des Schmerzes, der Hilflosigkeit und der Einsamkeit

        Jeder Mensch wird früher oder später in seinen psychischen und körperlichen Bedürfnissen frustriert - das heißt, er wird schon relativ früh im Leben mit der Tatsache konfrontiert, dass seine Bedürfnisse nicht immer oder zumindest nicht immer rechtzeitig voll und ganz gestillt werden. Dies führt je nach Schwere der Vernachlässigung und Frustration zu ersten Verletzungen und somit zu körperlichen oder seelischen Schmerzen. Mangel wird als bedrohlich erlebt und löst Angst aus. Der Begriff "Angst" leitet sich aus dem Begriff "Enge" ab. Emotional gesehen reagiert der werdende Mensch also auf Mangel, Verletzungen und Bedrohungen mit einer Verengung - sein werdendes Ich kontrahiert sich sozusagen. Es zieht sich ängstlich zusammen unter dem Druck der schmerzhaften Seite des Lebens. In unserem Bild gesprochen: Würde absolutes Vakuum um die Bewusstseinssphäre herrschen, die Sphäre könnte sich unendlich ausdehnen und in ungeahnter Leichtigkeit ewig durch den Raum schweben. Aber da ist kein Vakuum. Statt dessen sind da die unangenehmen Seiten des Lebens: fehlende Zuwendung, zu wenig oder zu späte Nahrung, Kälte, Verletzungen körperlicher oder seelischer Art, etc...
        Damit entsteht die emotionale Sphäre des Schmerzes und der Hilflosigkeit. Handelt es sich um unverarbeitete, verdrängte Verletzungen, so ist uns dieser Teil der Sphäre des Schmerzes unbewusst und steuert unser Verhalten, ohne dass wir es merken.


        Das soll nicht heißen, dass der Mensch von nun an nur noch im Schmerz befindet. Es gibt ja auch glückliche Momente in unserer Kindheit.
        Ähnlich wie auch in unserer Erdatmosphäre der freie Himmel immer mal wieder sichtbar ist, so schiebt sich auch nicht die Schicht des Schmerzes lückenlos zwischen uns und die Unendlichkeit. Tatsache ist - um in dem Bild zu bleiben - je weniger die Wolken Gelegenheit haben, abzuregnen und sich somit aufzulösen, desto verhangener wird der Himmel. Mitfühlendes Zuhören und "Im Kontakt sein" ohne viel wohlmeinende Ratschläge ist das, was die meisten Menschen darin unterstützt, ihren Schmerz allmählich zu verarbeiten. Das braucht Zeit.
        Allerdings können wir in der Sphäre des Schmerzes auch hängen bleiben. Menschen, die hier ihren emotionalen Schwerpunkt haben, werden häufig als klagend erlebt. Sie empfinden sich als Opfer der Umstände, machen andere für ihr Leid und Schicksal verantwortlich und versäumen deshalb, eigenverantwortlich ihr Schicksal in die Hand zu nehmen. Dass jemand aus dieser emotionalen Sphäre heraus reagiert, erkennt man im Kontakt häufig daran, dass man das Gefühl bekommt, als Klagemauer herhalten zu müssen. Mitunter verhallen Empfehlungen, was der andere tun könnte, um seine Situation zu verbessern, ungehört oder werden beleidigt zurückgewiesen.
        Aber nicht jeder bleibt aufgrund erfahrenen Schmerzes darin hängen.


        Wenn der Schmerz wirklich zugelassen wird, d. h. ohne Widerstand gefühlt wird - im Fachjargon der Psychologen: wenn Trauerarbeit geleistet wird - sind wir wieder frei und empfänglich für das, was das Leben uns zu schenken hat. In dem Maß, in dem Menschen ihren selbst erlebten Schmerz in diesem Sinne angenommen haben, wächst auch ihre Fähigkeit, sich in andere Menschen einzufühlen.
        Die emotionale Sphäre des Schmerzes beinhaltet also die primären emotionalen Antworten auf Frustrationen und Verletzungen: Gefühle der Hilflosigkeit und Ohnmacht, der Einsamkeit, des Hungers nach Zuwendung, Verzweiflung und Schmerz. Solche Gefühle sind schwer auszuhalten und führen deshalb zur Entstehung der nächsten Sphäre.

        Die Geburt des Willens: Die Sphäre der Aggression, der Wut, des Trotzes

        Auf die primären, schmerzhaften Gefühle kommt bald eine sekundäre Antwort: das wütende Aufbäumen gegen das Unerträgliche. Die Aggression ist die natürliche Antwort auf eine Bedrohung. Wenn existentielle Bedürfnisse nicht genügend gestillt werden, erleben wir das als Bedrohung. Die Bedrohung ist dann das "Zu-kurz-gekommene", die Verletzung, das Nicht geliebt- und Angenommensein, die Einsamkeit, der ungestillte Hunger nach Nahrung und Zuneigung.


        Abwehrende Gefühle wie Aggression, Wut und Trotz, die ihn davor bewahren sollen, die ursprüngliche Verletzung und den damit verbundenen Schmerz zu spüren, bilden eine neue emotionale Sphäre.
        Der Mensch beginnt, sich gegen das, was weh tut, aufzulehnen. Wenn er gerade nicht angreift, zieht er sich in persönliche Schützengräben zurück: Die Sphäre des Bewusstseins verdichtet und schrumpft weiter, der Mensch kontrahiert sich noch mehr unter dem Druck des Lebens. Er verliert durch diese Verkrampfung noch mehr die unmittelbare Verbundenheit zum Rest der Welt. Die Empfindung, vom Rest der Welt getrennt zu sein, gewinnt an Überzeugungskraft.


        Gleichzeitig ist dieses Auflehnen ein Zeichen für die Geburt des Willens. Der Wille, die Welt nach den eigenen Bedürfnissen und Vorstellungen zu gestalten, entsteht. Insofern ist Aggression und Trotz - wenn auch anstrengend für Eltern und andere Mitmenschen - an sich nichts Schlechtes. Im Gegenteil, Aggressionen und Trotz können als notwendige Geburtswehen des sich entfaltenden Willens betrachtet werden. Problematisch wird es nur, wenn ein Mensch im Trotz hängen bleibt und zum Opfer seines eigenen Aufbäumens wird, zum Beispiel weil er beginnt, seine Identität in der Abgrenzung zu suchen und nicht mehr frei ist, sich auf eine nahe Beziehung einzulassen .


        Der Trotz ist die eher passive Variante der Aggression. Es gibt auch die aktive Variante:
        Menschen, die in der Sphäre der Aggression hängen geblieben sind, werden nicht selten als laut und störend erlebt. Sie machen sich deutlich bemerkbar, aber leider eher destruktiv. Beispielsweise werden sie ihren Hunger nach Aufmerksamkeit und Zuwendung dadurch versuchen zu stillen, dass sie stören, zerstören, streiten, ärgern oder sich einfach querstellen. Die Wut über das schmerzliche Zu-Kurz-Gekommensein wird gegen diejenigen gerichtet, von denen eigentlich einmal etwas erhofft wurde: die Mutter, die als nicht genügend nährend erlebt wird, wird von nun an wütend zurückgestoßen. Später kann sich dies auf Liebes- und Lebenspartner und überhaupt auf alle anderen Menschen ausdehnen. Eine Variante der neurotischen Aggression ist der Hunger nach Macht: Es ist der Versuch, die schmerzhafte Erfahrung des Ausgeliefertseins zu kompensieren und Kontrolle über das Unkontrollierbare zu gewinnen. Während bei der gesunden Aggression eine Kraft mobilisiert wird, um sich zu verteidigen und für seine Interessen zu kämpfen, wird bei der neurotischen Aggression versucht, über einen anderen Menschen soviel Macht zu gewinnen, dass dieser die Gefühle der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins erlebt, die man selber als Kind nicht ertragen konnte. Man verarbeitet und integriert also in diesem Sinne nicht die damaligen Gefühle und ist sich ihrer bewusst, sondern man wechselt die Seite und will sich jetzt endlich selbst in der Position des Mächtigen erleben und lässt seine Opfer das fühlen, was man selbst nie mehr fühlen will. Hierfür gibt es viele traurige Beispiele in der Welt.

        Aggression ist jedoch - wie schon angedeutet - nicht immer nur die neurotische Abwehr von Schmerz. Wenn ein Mensch im Laufe seiner persönlichen Reifung auch die schmerzhaften Gefühle soweit angenommen hat, dass er sie nicht mehr abwehren muss, steht ihm die Kraft der Aggression für anderes zur Verfügung: Die Fähigkeit zur Aggression wird dann zu einer Kraft bzw. Fähigkeit, klar zu konfrontieren und zu kämpfen, die uns zur Verfügung steht, wenn es nötig ist - zum Beispiel wenn wir entsprechend unserer Werte gestaltend auf die Welt Einfluss nehmen wollen.
        Welche Form des aggressiven Ausdrucks auch gewählt wird - trotziges und aggressives Verhalten stößt nicht unbedingt auf Gegenliebe. Deshalb sind bald die Voraussetzungen für die Entstehung der nächsten Sphäre geschaffen.

        Die Anpassung: Resignation und Selbstverleugnung

        Da das heranwachsende Kind häufig für seine Aggression und seinen Trotz eher bestraft als geliebt wird, es gleichzeitig jedoch nach wie vor eine große Sehnsucht nach Geliebt-Werden und Angenommen-Sein in sich hegt, beginnt es, sich noch weiter zurückzuziehen: in die Sphäre der Anpassung (grau). Es ist nicht mehr wahrhaftig, sondern verleugnet die eigenen Gefühle und passt sich an, um damit die Liebe zu erkaufen, die es als Wesen, das noch seine wahrhaftigen Impulse unbekümmert zeigte, nicht erhalten hat, - in der Hoffnung, durch das Verleugnen seiner lebendigen Impulse zu dem zu kommen, was es immer noch vermisst. Der Mensch zieht sich noch mehr zusammen, verschließt und reduziert sein an sich lebendiges Wesen auf einen kümmerlichen, unauffälligen Rest.


        Der Preis für diese Art der Anpassung ist hoch: Depression, Leblosigkeit, Langeweile und Gefühle der Sinnlosigkeit. Das heißt aber keineswegs, dass jede Depression die Folge übermäßiger Anpassung ist (siehe Erläuterung unten[4]).
        Die Kraft, die in der Sphäre der Aggression noch der Bedrohung und dem Schmerzhaften entgegengehalten wird, wird nun aus Angst vor Bestrafung nicht mehr nach außen gerichtet sondern abgebogen und nach innen gelenkt. Deshalb sind depressive Verstimmungen auch häufig von Schuldgefühlen und Selbstabwertungen begleitet. Depression ist dann in diesem Fall wie eine Art psychische Auto-Immunkrankheit, bei der die Abwehrkräfte der Seele sich gegen uns selbst wenden.



        Menschen, die ihren emotionalen Schwerpunkt in dieser Sphäre haben, sind meist unauffällig, konturlos und werden auch schnell als langweilig erlebt. Die Gefahr des Mitläufertums besteht bei ihnen, denn oberstes Kriterium ist, sich die Zuneigung der anderen (Eltern, Freunde, Partner, Chef) durch Anpassung zu erkaufen. Wenn die Zuneigung anderer das Wichtigste ist, wird das Äußern einer eigenen Meinung nicht mehr riskiert oder die allgemein erwünschte Meinung wird als die eigene deklariert.
        Solche Menschen hören ihre eigene innere Stimme (was brauche ich, was will ich, was ist mir wichtig?) vielleicht nicht mehr oder nur noch schwach, weil sie sich selbst fremd geworden sind. Und für andere sind sie auch nicht mehr hörbar, denn sie wagen ja nicht, ihr Individuelles in die Welt zu setzen, aus Angst, dass sie dann noch weniger Liebe erhalten. Deshalb fallen sie auch gar nicht mehr auf. Sie sind nicht hörbar, weil sie nicht mehr den wahrhaftigen Ausdruck wagen. Sie suchen Schutz hinter einer unscheinbaren Fassade.


        Das heißt aber nicht, dass alle Anpassung nur der verzweifelte Versuch ist, durch Selbstverleugnung die Zuneigung der Eltern, des Partners oder des Chefs zu gewinnen.
        Bei erfolgreicher Integration wird aus der neurotischen Anpassung die Fähigkeit, sich dort anzupassen, wo es für die eigenen Ziele notwendig erscheint. Bei der neurotischen Anpassung bin ich meinem Wunsch nach Gefallen-wollen ausgeliefert, die Zuneigung anderer hat höchste Priorität. Bei der gesunden Form steht mir die Fähigkeit zur Anpassung zur Verfügung, wenn sie mir meinen frei gewählten Zielen dienlich ist.


        Damit sind jetzt alle wesentlichen emotionalen Sphären erläutert. Letztendlich kommen wir gar nicht umhin, zunächst mal je nach Lebensumständen alle emotionalen Sphären aufzubauen. Jeder Mensch, der das Erwachsenenalter erreicht, trägt Züge neurotischer Anpassung in unterschiedlicher Ausprägung, hat eine Neigung zu Trotz und Aggression sowie verdrängten Schmerz, den er noch nicht spüren will. Ungeachtet dessen ist jeder Mensch in der Essenz seines Wesens weiterhin lebendig, schöpferisch und lebensbejahend. Es sind nur unsere Muster der Abwehr als Antwort auf die schmerzhafte Seite des Lebens, mit denen wir uns auf viel weniger reduzieren bzw. im Bild der Bewusstseinssphäre gesprochen: wir kontrahieren uns und machen uns viel kleiner und enger als wir eigentlich sind. Durch unsere emotionale Kontraktion trennen wir uns selbst ab und leiden zunehmend an unserer letzten Endes selbst geschaffenen Isolation.
        Die Lebensfreude - sofern sie uns abhanden gekommen ist - wo ist sie nur geblieben? Vielleicht ist sie ja da und um sie wieder erleben zu können müssen wir uns wieder ausdehnen, in dem wir wieder fühlen, was wir nicht mehr fühlen wollten. Das ist allerdings nicht immer gleich angenehm.


        Ingo Heyn

        Februar 2007





         Fussnoten 

        1. Ist die Quantenphysik der Liebe auf der Spur?

        2. The self aware universe - how consciousness creates the material world, Amit Goswami, PH.D.
          in Deutsch ab Januar 2007 im Lüchow-Verlag erhältlich: "Das bewusste Universum. Wie Bewusstsein die materielle Welt erschafft".

        3. Zu dieser Landkarte wurde ich ursprünglich durch das so genannte Kern-Schalen-Modell des Psychotherapeuten S. Widmer inspiriert - (z. B. prägnant erläutert in "Klärungshilfe: Konflikte im Beruf", von C. Thomann, rororo Sachbuch, 1998). Ich habe eine Variante dieses Modells entwickelt, die es erlaubt, die Erkenntnisse von A. Goswami zu integrieren und deutlich macht, dass wir in dem Maße "weit" werden und in Kontakt mit unserem Ursprung kommen, in dem wir bereit sind, die Welt in all ihren schrecklichen und wunderbaren Facetten zu fühlen - "weit" verstanden als Gegenpol zu "kontrahiert, eng, ängstlich".

        4. Die Neigung zu Depressionen kann mitunter auch auf einen Mangel des Neurotransmitters Serotonin im Zusammenspiel mit komplexen Stoffwechselvorgängen auf neurophysiologischer Ebene zurückgeführt werden. Solche Stoffwechselvorgänge können durch unterschiedliche Faktoren aus der Balance geworfen werden: manche Faktoren sind genetisch bedingt, aber auch ein Unfall, eine neurophysiologische Erkrankung oder längerer Alkohol-, Drogen - oder Medikamentenmissbrauch kann zu Depressionen führen. Nicht selten ist eine Depression auch das emotionale Ergebnis einer so genannten "gelernten Hilflosigkeit". Von gelernter Hilflosigkeit spricht man, wenn Menschen über längere Zeit einer eigentlich nicht zu ertragenden Situation (z. B. Mobbing) ausgesetzt sind, aber alle Versuche, dieser Situation zu entkommen oder sie zu verändern, bisher gescheitert sind.



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