Auf den Spuren der Wirksamkeit




        "Musik ist der Raum zwischen den Noten"

        Claude Debussy




        Als ich in meiner Jugend lernte, Schlagzeug zu spielen - inspiriert durch ein faszinierendes Schlagzeug-Solo auf einem Schulfest - glaubte ich während einer längeren Zeit des mühsamen Erlernens der Technik, es käme nur darauf an, möglichst präzise das Tempo zu halten und im richtigen zeitlichen Abstand Trommelschläge zu setzen, in der Hoffnung, das Wesen des zu erlernenden Rhythmus auf diese Weise zum Leben zu erwecken. Weit gefehlt. Trotz zunehmend ausgefeilter Technik und richtigem Tempo blieben meine Versuche eine gut gemeinte Ansammlung richtiger Töne, klangen die Rhythmen wie ein brav vorgelesener Text, bei dem den Zuhörer das Gefühl beschleicht, dass der Vorlesende nicht wirklich versteht, was er da vorliest.

        Der Zauber des Rhythmus entfaltete sich für mich erst, als ich die Konzentration auf das richtige und perfekte Setzen der Schläge aufgab und begann, auf die Spannung, die in der Stille zwischen zwei Schlägen entsteht, zu lauschen. Ich entdeckte, dass wirklich lebendiger Rhythmus nicht die möglichst effiziente Aneinanderreihung von Trommelschlägen, sondern die spielerische Aufteilung der Stille in spannende Phasen des Lassens und Lauschens ist. Für den Zuhörer verschmilzt dieses Tun und Ruhen des Musikers natürlich zu einem Ganzen, dessen Bestandteile er ähnlich schwer auseinander halten kann wie die einzelnen Gewürze einer wohlschmeckenden Mahlzeit. Mit dem Mut, innezuhalten, zu lauschen und mich von dem inspirieren zu lassen, was in der Stille sich entfaltete, entwickelte ich auch eine Lust, mich überraschen zu lassen von dem, wohin der Rhythmus mich tragen würde, wie er sich im Zusammenspiel mit anderen Musikern entwickeln wollte.

        Das gleiche Prinzip gilt für mich auch für das Tun und Lassen in der Arbeit mit Menschen und Organisationen: Eine wesentliche Spur hin zu erhöhter Wirksamkeit besteht für mich nicht darin, so viele und richtige und effiziente Interventionen wie möglich zu produzieren, sondern darin, nach einer kraftvollen Intervention das Lassen zu wagen und offen zu sein für das, was sich entfaltet, verändert, zum Ausdruck drängt und welche Richtung sich für weiteres Tun abzeichnet. Wer es einfach richtig und perfekt machen will, fürchtet vielleicht den Verlust an Zuneigung, denn man könnte ihr oder ihm den Vorwurf machen, sich für das Nicht-Tun bezahlen zu lassen (was übrigens auch stimmt - welcher Musiker wird schon dafür empfohlen, dass er ohne Unterlass in alle Tasten schlägt) - oder fürchtet den Verlust der Kontrolle über das Geschehen oder einfach das, was im Innehalten deutlich wahrnehmbar wäre: Atmosphärisches, das darauf wartet, gefühlt zu werden, Unausgesprochenes, das darauf wartet, in Worte gefasst und gehört zu werden - um nur ein paar Möglichkeiten von vielen zu nennen.

        Bewusstes Innehalten und "Lauschen" ist für mich neben tätiger Einflussnahme ganz wesentlich und nicht mehr wegzudenken aus meinem Rhythmus der Arbeit mit Menschen, dem Rhythmus meines Lebens überhaupt. Und da fällt mir ein, was Bert Hellinger hierzu einmal angemerkt hat: Das Lassen ist etwas, bei dem man nichts tun muss, und trotzdem ist es anstrengend.


        Rhythmus ist das Gesetz der "maßgebenden" Kraft,
        das Prinzip der Schöpfung,
        alles strukturierend und wandelnd.

        Rhythmus ist Wechsel und Wiederkehr,
        Fortbewegung und Innehalten,
        Spannung und Entspannung,
        Zusammensetzung und Spaltung,
        Freude und Schmerz,
        Leben und Tod,
        Klang und Stille
        Geduld und blitzschnelles Handeln.

        Peter Giger in "Die Kunst des Rhythmus"





        Literatur

        • Giger, Peter: Die Kunst des Rhythmus. Professionelles Know How in Theorie und Praxis, Schott Verlag, 6. Auflage 2009
        • Hyams, Joe: Der Weg der leeren Hand, ZEN in der Kunst des Kampfes, Schirner Verlag Darmstadt, 2005
        • Jullien, François: Über die Wirksamkeit, Merve Verlag Berlin, 1999




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